Revision # 7 – Kürzen von Subplots

Wer wie ich eine Tendenz zum Schwafeln hat, der hat zwar kein Problem, 500 Seiten mit Worten zu füllen, aber danach hat er eins. Und zwar ein großes. Zu viele Worte für zu wenig Geschichte. Oder: Ich schreibe zu ausführlich. Die logische Konsequenz: Ich muss kürzen. Und zwar mehr (immer) oder weniger (bis jetzt nie) radikal.

Es ist zwar gaaanz lieb, wenn mir wohlmeinende Freunde sagen, ich soll das Ding doch so lang lassen, wie es ist, und einem Verlag das Kürzen überlassen. Wenn sie es wollen, dass sagen sie mir schon, was ich weglassen kann. Nun hat man bei Fantasy zwar etwas mehr Spielraum als bei einem Krimi oder einer Liebesgeschichte, was den Wordcount angeht, weil der Weltenbau berücksichtigt wird. Aber das heißt nicht, dass Verlage händeringend darauf warten, mit 300k Wälzern überschwemmt zu werden. 250.000 Worte? Kommt sofort auf den Ablehn-Stapel. Kein Verlag macht sich die Mühe, sich ein Manuskript anzuschauen, bei dem von vornherein klar ist, dass viel Arbeit auf den Lektor wartet (und Kürzen ist harte Arbeit). Solange mein Nachname nicht Rothfuss oder Martin ist, habe ich keine Chance.
Was diese wohlmeinenden Stimmen auch nie bedenken: Sie müssen dann auch meine elendslangen Manuskripte lesen, was entsprechend lange dauert 😉

Da sitze ich nun vor dem Manuskript von Stein & Stahl, raufe mir die Haare und frage mich verzweifelt, was ich rausnehmen kann, ohne die Handlung zu verstümmeln, und was ich rausnehmen muss, um das Interesse des Lesers aufrecht zu halten.

Meine Grundanfordernisse an eine Szene sind:
1. Bringt den Plot voran
2. Zeigt Charakter (kurz für: erweitert das Wissen um den Charakter, zeigt neue und vertieft bekannte Seiten)
3. Unterhält (ist witzig, spannend, geheimnisvoll, macht neugierig, froh oder ängstlich – kurz, löst Emotionen aus)

Nachdem ich meines Wissens nach noch nie etwas geschrieben habe, auf das Punkt 2 nicht zutrifft, und meine eigenen Szenen prinzipiell unterhaltsam finde (da fehlt mir auch mit einem Jahr Abstand noch immer jegliche Objektivität), bleibt mir hauptsächlich Punkt 1, um zu entscheiden, wo die Schere ran muss.

Der erste Schritt ist, dass ich überprüfe, welche Szenen für den Handlungsfortschritt unbedingt notwendig sind. Beim Schreiben trifft das auf alle zu, sonst hätte ich sie ja nicht geschrieben (wenn die Muse eines gut kann, dann mir vorlügen, dass alle Szenen unerlässlich für die Handlung sind.). Beim Überarbeiten komme ich dann natürlich drauf, dass etliche Szenen dabei sind, in denen die Handlung nicht voranschreitet.
Wobei es hilft zu wissen, was die Haupthandlung ist. Beim ersten Überarbeitungsdurchgang wusste ich das noch nicht. Jetzt weiß ich es.
Um es nicht zu vergessen, schreibe ich mir den Kern des Geschichte in wenigen Sätzen auf. Im Idealfall reicht ein Satz, den ich mir auf den Monitor klebe, um den Kernkonflikt und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Ich brauche solche visuelle Hilfen, sonst übernimmt die Muse wieder das Kommando.
Alles Szenen, in denen keine neuen Informationen vorkommen und die den Plot nicht vorwärts bewegen, sind Wackelkandidaten. Das trifft generell auf mehr Szenen zu, als mir lieb ist.
Selbstverständlich sind meine Lieblingsszenen dabei. In der Regel auch die, wegen denen ich überhaupt angefangen habe, diese Geschichte zu schreiben. Das führt dazu, dass die Muse beleidigt ist, die Autorin sich weinend in eine Ecke verkriecht und Lord Nelson, der innere Kritiker, endlich aus dem Fass darf, um die Axt zu schwingen.
Im Gegensatz zur mimosenhaften Autorin weiß Nelson sehr gut, was raus kann, und malt dann grausame orange Pfeile an die Seiten (Rot war mir doch zu brutal, und Orange hatte ich gerade in der Füllfeder).

Beim aktuellen Sorgenkind/Manuskript schlug die Axt einen kompletten Subplot raus, was mir 40k brachte. Darin wurde eine Verhaftung und der anschließende Ausbruch aus einem Gefängnis geschildert. Einziger Daseinszweck dieses Szenenkomplexes war es, den HC und den Schurken in einem Raum zusammenzubringen, ohne dass sie sich gegenseitig umbringen. Klappte gut mit einer Gitterwand zwischen ihnen.
Also eine Runde Brainstorming gemacht, eine Ersatzszene gefunden, wo ich Held und Villain miteinander reden lassen kann, ohne dass sie aufeinander losgehen können, ungefähr 10 andere Szenen neu geordnet, um die Chronologie wieder sinnvoll zu machen, und gute 10k neu geschrieben, um die Ersatzszene einzufügen mit ein paar zusätzlichen Szenen, die dorthin führen.
Autorin: mächtig stolz auf sich. Muse: weint. Nelson: Da geht noch mehr.

Es folgte ein weiterer Subplot, der absolut NICHTS zur Haupthandlung beitrug. Der dummerweise der Grund war, warum ich die Story schreiben wollte. Um diesen Subplot herum habe ich die gesamte restliche Handlung konstruiert.
Die Muse drohte mit lebenslangem Streik, wenn das rausfällt, aber Nelson war unerbittlich. Wenn ich erst 50k geschrieben hätte, dann dürfte der Subplot bleiben, aber in meinem Fall? Kill it.
Also raus damit, was in einer Reihe von Umschreibe-Aktionen endete, da sich die Ereignisse und Folgen dieses Subplots durch den gesamten Roman zogen. Dementsprechend gründlich musste ich alle Erinnerungen daran entfernen. Mir hat das Herz dabei geblutet. Das Einzige, was es erträglich machte, war das Wissen, dass ich diesen Subplot zur Gänze im nächsten Roman unterbringe (das war mein Kompromiss mit der Muse).

Nachdem der Roman von knapp 250k auf unter 200k geschrumpft ist, nehme ich mir jetzt die restlichen Szenen vor, um zu schauen, welche ich davon ebenfalls verlieren kann, ohne dass es sich auf den Hauptplot auswirkt.
Oder ich putze vorher die Fenster.
Ich werde zum Putzteufelchen, wenn ich nicht überarbeiten will. Den Toaster habe ich schon hinter mir 😀

Wenn man den Hauptplot vor lauter Subplots nicht mehr sieht ...

Wenn man den Hauptplot vor lauter Subplots nicht mehr sieht …

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Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
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14 Antworten zu Revision # 7 – Kürzen von Subplots

  1. dreamertalks schreibt:

    ich bin beim Schwafeln und beim Überarbeiten ähnlich erfolgreich wie Du (und überlege gerade, wie ich meinen inneren Editor nennen soll. Ich glaube, damit könnte ich ähnlich Zeit totschlagen wie Du mit Putzen 🙂 ).
    Was mir manchmal (!!!) hilft, ist folgende Frage: Welchen Sinn hat diese Szene? Und könnte ich diesen Sinn auch kürzer, evtl. dadurch sogar knackiger hinbekommen?
    Als Beispiel hatte ich einmal eine sehr dramatische Szene, die viel zu lang war, aber ich fand das Drama so schön und so wollte ich es eigentlich genauso lassen. Nach der o.g. Frage entschied ich mich dann aber einzelne Absätze zu kürzen, aus den Absätzen wurden dann irgendwann Seiten (ja, die Szene war mehrere Seiten lang…) und am Ende war ich mit den Nerven fertig, aber die Szene war so dermaßen viel besser geworden!
    Leider funktioniert die Technik bei mir nur eine gewisse Zeitlang, was bedeutet, dass ich ewig zum Überarbeiten brauche. In der Zeit hätte ich denselben Roman locker noch zweimal schreiben können 🙂

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    • Jery Schober schreibt:

      Das, was du schilderst, kommt in Teil 2 unserer beliebten Reihe „Jery learns revision“ 🙂 Hab aus dem Kürzen 3 Beiträge gemacht (wie gesagt, ich schwafle gern …), die anderen beiden kommen in den nächsten Wochen. Dann geht’s ums Kürzen einzelner Szenen. Was wirklich brutale Arbeit ist, besonders bei den Szenen, an denen mein Herz hängt. Wie du sagtest, die Szene wird danach besser und prägnanter, aber der Weg dorthin … Meine Muse hat einen Heulkrampf nach dem anderen. Sie ist ein Sensibelchen.
      Bei manchen Szenen denke ich mir auch, dass ich schneller gewesen wäre, wenn ich sie komplett neu geschrieben hätte, anstelle sie umzuschreiben. Immer in dem Bemühen, die guten Teile zu erhalten und nur die schlechten loszuwerden …

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  2. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Hach, ich kenne das so gut… Fühl dich umarmt, ich hatte schon riesige Überarbeitungs- und Kontinuitätsprobleme, als ich einen Sub-Plot von… ähm… so ca. 3.000 Wörtern gekillt habe, der sich auf echt ALLES ausgewirkt hat, aber weg musste.
    Wenn man dann 50k killen muss (das ist mehr, als bei mir so mancher Roman lang ist), dann… ist das happig. Und anstrengend. Und emotional aufwühlend.
    Aber du bist tapfer und schaffst das ❤

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    • Jery Schober schreibt:

      Danke für die aufbauenden Worte 🙂 Emotional aufwühlend trifft’s, v.a. weil ich mit niemanden darüber reden kann – „nein, ich kann dir nicht sagen, warum ich so traurig bin, dass dieser Subplot rausfliegen musste, weil du ihm im nächsten Roman begegnen wirst und ich dafür eine unbeinflusste Meinung brauche“.
      Diese fiesen kleinen Subplots, die so harmlos ausschauen und sich dann auf ALLES auswirken … yep, wem sagst du das. Bei mir war’s einer, der eine emotionale Langzeitwirkung auf 3 Leute hatte, und ich bin immer noch dabei, Spuren des Traumas rauszuschreiben, weil es jetzt nicht mehr stattgefunden hat. Dagegen war die Kürzung von 40k Gefängnisausbruch easy, was mir auch deutlich sagte, dass dieser Strang raus kann, weil er sich kaum auf den Plot auswirkt. Und auch das wird in einem anderen Roman wiederverwertet. Ich betreibe literarisches Recycling 😛

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      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Recycling ist gut für die Umwelt :D.
        Und jaaaaa, so emotionale Sachen sind die Schlimmsten. Und dann wundere ich mich, wenn ich von der Lektorin ganz verwundert gefragt werde, wieso bitte die jetzt so traurig/fröhlich/sonstwas sind…. 😀

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  3. chickinwhite schreibt:

    Oha! Du machst mir Mut!
    Also, ich kann mir kaum vorstellen, wie du von 200k auf 150k runtergekommen bist – und ganz im Ernst: 150k? *schielt auf das eigene Werk* najaa… also… da wird´s doch gerade erst spannend ❓ ?!
    😀
    Aber ich weiß ja, dass du im Grunde deines Herzens eine sehr klar strukturierte Person bist, die ihre beiden Mitarbeiter Muse und Nelson trotz diverser Eskapaden ganz gut bändigen kann.
    *Was? Witze?? – Nee, das ist völlig ernst gemeint!* Also lass ich mich einfach mal überraschen…
    (Und wenn nebenbei die Fenster sauber werden ist das ja auch nioch ein Goodie, gelle?)
    Szenen zu ändern find ich nicht übermäßig tragisch (bis auf die Tatsache, dass mein Sturkopf sich an dem was war festbeißt und die ersten 3 Anläufe immer ziemlich genau so aussehen wie die Ursprungsfassung- und bis auf die Tatsache, dass Szenen dazu tendieren eher länger als kürzer zu werden…)
    Aber Szenen streichen??? Boah, das ist echt bitter!
    Ich hab nen gehörigen Respekt vor deiner Arbeit (huch, da isses schon wieder: du bist mein Held!*grinst*) – und bn schon sehr gespannt auf die nächsten Etappen(siege).
    Halt durch! Und gönn Nelson ein paar Freiheiten. Der arme Kerl wird ja sonst noch ganz rammdösig, wenn er nie aus seinem Fass rausdarf!
    😉

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    • Jery Schober schreibt:

      Hab mich vertippt und es grad im Blog ausgebessert: Ich bin von 250 auf 200k runter und muss auf unter 150k kommen. Ein laaanger Weg.
      Klar strukturiert. Ich? Wäre ich gerne, aber die Realität sieht anders aus, das beweist sie mir immer wieder 😉
      Sich an einer Szene festbeißen und was dazuzuschreiben – das bin sooo ich! Da ist es oft wirklich leichter, wenn ich die Szene komplett neu schreibe, als wenn ich versuche, die guten Teile zu behalten. Aber leider hänge ich an den guten Teilen …
      Was den Helden angeht: Guck dir meine Stilblüten auf Twitter an. Das relativiert die Heldenverehrung 😉
      Die Fenster sind übrigens noch immer dreckig. Ich habe mich dann doch lieber der Überarbeitung zugewandt …

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  4. chickinwhite schreibt:

    Naja, die Fenster laufen ja nicht weg. Und deine Stilblüten machen Spaß, also zumindest den Lesern..:-P
    100k zu streichen ist ne ganz schöne Hürde. Ich kann gut verstehen wenn dir da das Herz blutet…

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    • Jery Schober schreibt:

      Blutet, schmerzt, tut weh – aber was tut man nicht alles für ein fertiges Buch? Und ich habe ja vor, zumindest 2 Subplots in anderen Romanen zu verbraten, das macht es etwas leichter.

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  5. Das kenne ich so gut… genau genommen stehe ich genau jetzt vor einem ganz ähnlichen Problem und prokrastiniere, um nicht mal eben 15k Wörter löschen zu müssen… 😀

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    • Jery Schober schreibt:

      Ich leide mit dir 😛 15k sind keine Kleinigkeit. Vielleicht kannst du sie ja mit Modifizierungen für etwas anderes nehmen?
      Ich erzähle meiner Muse vor dem Kürzen immer, dass wir die Szene für ein anderes Projekt verwenden werden, um sie vom rituellen Selbstmord abzuhalten. Oder irgendwann mal einen „writer’s cut“ herausbringen werden, mit allen geschriebenen Szenen für die Hardcore-Leser, die sich von 200k nicht abschrecken lassen.

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  6. Stella Delaney schreibt:

    Hihi… auch das kenne ich. Ich bin ein ‚wordy writer‘ par excellence.

    Und ich putze auch oft, um mich vor dem Überarbeiten zu drücken. Oder ich bastle neue PowerPoints/Arbeisblätter für die Schule.

    Komplette Szenen oder besondere Sätze, die ich streiche, sammle ich oft in einem speziellen Ordner. Wer weiss, ob ich die je wieder brauche, aber ich werfe ja auch keine Bücher weg…

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