Malen für Autoren, oder Warum mich Bob Ross aggressiv macht

Kennt ihr Bob Ross? Ein amerikanischer Maler, der bekannt ist für seine Landschaftsbilder nach einer von ihm entwickelten Technik und einer Fernsehreihe, The Joy of Painting, wo er in knapp 30 Minuten ein ganzes Bild malt. Sein Markenzeichen sind sein Wuschelkopf und seine stets gleichbleibend freundliche, sanfte Stimme, mit der er seinen Malprozess kommentiert.
Vor einigen Monaten hat der Streaming-Dienst Twitch einen Marathon mit The Joy of Painting ausgestrahlt und bringt nun regelmäßig ein paar Stunden Malerei. Warum das Ganze? Weil es etwas Beruhigendes und Meditatives hat, Bob Ross zuzuhören und zuzusehen, wie mit einfachen Mitteln wunderbare Gemälde entstehen.

Beruhigend? Da bin ich anderer Meinung. Ich krieg jedes mal einen Anfall, wenn ich Bob Ross sehe. Er steigert mein Aggressionslevel mehr, als wenn eine Fliege meinen Monitor belagert oder der Hahn vom Nachbarn mal wieder meint, dass halb 5 Uhr morgens die perfekte Zeit zum Krähen ist.

Es ist nicht so, dass ich den Mann verabscheuen würde. Oder seine Bilder nicht mag. Es ist nur einfach zutiefst frustrierend, ihm dabei zuzusehen, wie er mit lockeren Bewegungen seines Handgelenks und einem riesigen Pinsel Berge, Wolken, Bäume, Sträucher und Flüsse auf die Leinwand klatscht, als wäre es die leichteste Sache der Welt. Ist es nicht. Glaubt mir, ich hab’s versucht. Und deshalb regt mich diese Sendung auf. Weil es bei ihm so leicht aussieht und bei mir so sch…recklich.
Ich hab einmal eine Berglandschaft im Bob Ross Stil versucht. Es ist bis heute das einzige Bild von mir, dass ich je in den Müll geworfen habe. Es war grauenvoll.

Abgesehen von meinen Fingernägel-in-Handflächen-drückenden Aggressionen beim Anblick des pinselschwingenden Bob habe ich allerdings auch einiges von ihm gelernt. Nicht übers Malen. Obwohl, das auch.
Dass ich mich nicht schlecht fühlen sollte, weil er ein paar Jahrzehnte Malvorsprung hat. Dass seine Technik mit meinen Farben nicht funktionieren kann. Dass seine Art, Schnee mittels einer Spachteltechnik darzustellen, tatsächlich funktioniert. Sondern ich hab von ihm was übers Schreiben gelernt.
Malen und Schreiben sind ja beides kreative Tätigkeiten (no na), und es gibt eine Menge Parallelen (und Unterschiede). Während seiner Sendung gibt Mr. Ross permament Perlen der Weisheit für Autoren ab:

Wolverine's Eyes
Du bist Gott in deiner Welt. Gestalte sie, wie es dir gefällt.
Wenn ich mal wieder verzweifle, weil ein Plotpoint nicht funktioniert, weil mir ein Requisit fehlt oder weil ein Motiv nicht funktioniert, denke ich mir (meistens nicht oft genug): He, warte mal, ich kann alles erfinden, was ich will, ich muss es nur logisch begründen. Und oft genug nicht einmal das.
Wenn ich will, dass es blaues Gras gibt, dann gibt es das eben. Ich kann mir später noch überlegen, welche Voraussetzungen die Welt dafür haben muss. Und ob ich das überhaupt ergründen muss. Wenn es etwas nicht gibt, dass ich für den Plot brauche, kann ich es erfinden. Wenn ich Menschen mit 4 Armen haben will, he, warum nicht? Es ist meine Welt.

Jeder braucht einen Freund.
Nicht nur jeder Autor, sondern auch die Charaktere. Bei Bob Ross braucht jeder Baum einen Freund, bei uns die Protagonisten und Antagonisten. Kaum eine Figur agiert in einem Vakuum oder ist so ein Einzelgänger, dass er seine engste Beziehung zu seinem Pizzaboten hat.
Nebencharaktere machen einen Hauptcharakter erst so richtig lebendig, helfen ihm, behindern ihn, unterstützen ihn und versauen ihm die Rettung der Prinzessin. Sie ermöglichen es dem Autor, den HC aus einer anderen Perspektive zu zeigen. Und oft genug sind sie der Grund, warum wir einen HC, der unsympathische Züge hat oder schlicht als Arsch rüberkommt, überhaupt mögen: Wenn er einen besten Freund hat, der ihm seit 15 Jahren treu zur Seite steht, und dieser Freund ein hochanständiger, netter Kerl ist, dann denken wir uns: Na ja, irgendwas Gutes muss im HC ja stecken, wenn ihn DER mag. House und Wilson, anyone?
Auch die Gegenspieler brauchen Freunde – jeder Filmbösewicht hat Handlanger, damit der Held ein paar davon umbringen kann, ehe es zum Showdown kommt. Und manchmal sind diese Handlanger markanter als der Hauptbösewicht und entwickeln ein beträchtliches Eigenleben. Schon mal von Darth Vader gehört?

Als Autor braucht man ebenfalls alle Freunde, die man kriegen kann. Die von der geduldigen, verständnisvollen Sorte, die unerschütterlich an deinen Erfolg glauben und sich stundenlang die Probleme fiktiver Charaktere in einer fiktiven Welt anhören, von denen sie noch nie etwas gelesen haben, weil der Autor sich weigert, was rauszurücken, ehe das Werk nicht komplett fertig und 17-fach überarbeitet wurde (schuldig in allen Punkten).
Und dann braucht man die Sorte Freund, die einem schonungslos die Wahrheit über die Geschichte sagt, nichts schönredet und einem das Messer in die Brust rammt. Weil sie nicht wollen, dass mit den Rezensionen das Messer in den Rücken kommt.
Ich hoffe, meine Alphas und Betas werden nie aufhören, brutal ehrlich zu mir zu sein und mir vernichtende Kritiken zu geben. Ich will sie nicht, aber ich brauche sie, um besser zu werden. In dem Sinne: Mädels, Jungs – Gruppenumarmung!

Mage
Es gibt keine Fehler, nur glückliche Unfälle.
Falsche Farbe, falsche Stelle für die Farbe, vermalt? Kein Problem, Bob Ross nennt das einen glücklichen Unfall. Ein Konzept, das mir zugegebenermaßen schwer fällt zu glauben, wenn ich grad eine halbe Flasche Tusche über eine fast fertige Zeichnung ausgeschüttet habe.
Aus Fehlern lernt man. Manche Fehler lassen sich leicht ausbessern, um andere muss man herumschreiben. Oder herummalen. (Tusche ist verdammt haltbar und äußerst schwarz.) Fehler bringen uns weiter, mehr als unsere Erfolge. Weil nach Fehlern strengen wir uns an, um es besser zu machen, um sie nicht zu wiederholen. Mach Fehler, lerne und wachse.

Bei mir sind solche glücklichen Unfälle meistens Stellen im Plot, wo sich auf einmal Abzweigungen ergeben, die ich weder geahnt noch geplant habe, die dann wundersamerweise zu einem runden Ende führen. Okay, das passiert mir nicht oft, meistens verzettle ich mich in Subplots, die im Nirgendwo enden, aber es ist schon vorgekommen, dass ich 6 Monate nach dem Schreiben einer Szene erst wusste, welchen Zweck sie hatte und wie sie sich ins Gesamtbild fügt.

Und manchmal, ganz selten, ist die Muse richtig gut und grabt plötzlich aus irgendeinem Winkel meines Unterbewusstseins einen Twist aus, der perfekt passt, von dem ich nichts wusste, der aber so viel Sinn ergibt und alles so viel besser macht als ich es je mit viel Nachdenken und Planen geschafft hätte. Und für diese Augenblicke schreibe ich. Für diese Augenblicke lebe ich.

Jery

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Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
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15 Antworten zu Malen für Autoren, oder Warum mich Bob Ross aggressiv macht

  1. para68 schreibt:

    Wenn ich Deine Berichte über das Malen lese, empfinde ich es plötzlich als so viel einfacher, etwas in einem Manuskript zu verbessern. Okay, manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Muse absichtlich eine Flasche mit besonders hartnäckiger schwarzer Tusche über den Plot eines Romans verschüttet hat, um ihn aus reiner Boshaftigkeit vor mir zu verbergen. Aber das ist eine andere Baustelle.
    Je mehr ich schreibe, desto mehr wird mir bewusst, dass den Nebenfiguren eine viel größere Bedeutung zukommt, als ich zunächst vermutet hätte. Es stimmt tatsächlich, dass sie eine Hauptfigur, die sonst ganz und gar unsympathisch wirken würde, liebenswerter machen können (ich biete Daryl Dixon und Carol Peletier, wenn Du mir schon meinen Liebling House klaust :-P). Das ist wichtig, wenn man, wie ich, eine immer stärkere Neigung entwickelt, ambivalente männliche Protagonisten zu kreieren.
    Und lass Dich bloß nicht davon runterziehen, dass Bob Ross mal eben ganze Gemälde aus dem Handgelenk „schüttelt“. Er hat Dir viele Jahre an Mal-Erfahrung voraus und hat mit Sicherheit für uns unvorstellbar viel Zeit zum Üben gehabt, bevor er sich das erste Mal vor die Kamera wagte.

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    • Jery Schober schreibt:

      Ja, NCs können über den Erfolg eines Buches entscheiden oder gar zum heimlichen Star werden. Was in einem Buch allerdings eher ungewollt ist, weil man das im Gegensatz zu einer Serie nicht unendlich ausdehnen kann.
      Ohne Bronze Degen wäre Among Thieves nicht besonders interessant für mich gewesen, und ohne Jean würden wir Locke für den arroganten Bastard halten, der er zu sein scheint. Und ohne Voltaire wäre Alain Delon in Die schwarze Tulpe nur halb so gut (hab ich grad wieder gesehen, und es spielt keine Rolle, dass Voltaire ein Pferd ist). Also ein Hoch auf die NCs! 🙂

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  2. Stella Delaney schreibt:

    Meine Schwester und ich machen gerne Witze über Bob Ross… Sie kann ihn super immitieren.

    Davon abgesehen finde ich es faszinierend, was du aus so einer (unfreiwillig witzigen, aber ansonsten todlangweiligen) Sendung herausholen kannst. So hab ich das noch nie gesehen 🙂 (ausser, dass ich immer schon wusste, das Literatur und Kunst sehr verwandt sind. Symbolismus, anyone?)

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    • Jery Schober schreibt:

      Das Problem ist, dass ich bei Bob Ross nicht abschalten kann. Ich MUSS wissen, wie das fertige Bild aussieht. Gesunder Masochismus als Autor 😛

      Gefällt 1 Person

      • Stella Delaney schreibt:

        Also irgendwas macht Bob Ross beim Thema Spannungsaufbau wohl richtig… Die Frage ist jetzt nur: wie übertrage ich das auf mein Buch? (*kassiert schräge Blicke von den Musen*)

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        • Jery Schober schreibt:

          Ist doch total einfach: Du fügst Schicht für Schicht der Handlung hinzu, was den Leser immer gebannt umblättern lässt, bis er am Ende das Buch mit einem glücklichen Seufzen zur Seite legt.
          Ehrlich, wenn ich wüsste, wie man das mit Buchstaben macht, müsste ich mich nicht mühsam durch Erstfassungen quälen 😛

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  3. chickinwhite schreibt:

    Oh, oops! Da hab ich vor lauter lauter glatt übersehen, dass du gepostet hast…
    Ich kenne den Burschen ja nicht, aber ein Bild in einer halben Stunde? Cool! Ich bin umgeben von Grafikern, die digital und von Hand ganz schön zaubern können. Von daher halt ich mich dabei immer dezent zurück, um nicht albernes Gelächter über meine unbeholfenen Designversuche hervorzurufen…
    Aber, die beiden Bilder von dir? RESPEKT! Besonders das obere, der Ausschnitt ist klasse!

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  4. dreamertalks schreibt:

    Hm… ich muss gestehen, der Maler war bisher nicht so mein Fall, aber Deine Zitate gefallen mir. Vielleicht sollte ich mir den Kanal auch mal ansehen?
    Übrigens gibt es eine kleine Geschichte von Marion Zimmer Bradley. Sie war mal auf einer Messe mit vielen anderen Autoren. Einer dieser Autoren hat dann lange und breit erklärt, wie er für sein neuestes Buch die Kopfbedeckung von irgendwelchen Büffeltreibern im Himalaya recherchiert hat. Dieser Autor schrieb allerdings reine Fantasy, meinte aber, er müsste das recherchieren. MZB sagte dann schließlich nur: Ich hätte mir das einfach ausgedacht.
    Manchmal ist der einfachste Weg auch der beste Weg 🙂

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  5. Hanna Mandrello schreibt:

    Ich finde es super, dass Bob Ross dich so aufregt. So kriegst du seine Weisheiten mit, die tatsächlich was haben. Das ist mir noch nie gelungen, ich schlafe bei seiner sanften Stimme fast sofort ein. Besser als jede Schlaftablette, der Mann 🙂

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  6. kawp schreibt:

    Ich hab Bob ross erst letztes Jahr kennen gelernt. Am interessantesten (von seinem können mal abgesehen) finde ich, das er so sanft redet, weil er sich in seiner 20 jährigen Karriere in der air force als drill sergeant geschworen hat nie wieder zu schreien wenn er das Militär je verlässt. Und bekannt wurde er durch seine sanfte Stimme und seine friedlichen Bilder.

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