Plotwendungen – Wann ist viel zu viel?

Dreamertalks sinnierte vor einigen Monaten auf ihrem Blog in einem Beitrag über die Frage, wann zu viel Handlung dem Leser zu viel ist. Das brachte mich ebenfalls zum Nachdenken.

Ich bin generell froh über Plotverwicklungen und überraschende Wendungen und hab kein Problem damit, wenn Charaktere von einer Schwierigkeit in die nächste taumeln und dazwischen kaum Zeit zum Durchschnaufen haben. Sowohl als Autor als auch als Leser.
Aber irgendwann ist viel wirklich zu viel. Für mich dann, wenn dazwischen überhaupt keine Zeit mehr bleibt, die Gedanken eines Charakters zu zeigen. Dann fühle ich mich gehetzt, was für 30 Seiten ganz ok ist, aber nicht für 300 ohne Pause. Ich brauche Zeit, um neue Informationen zu verdauen, um gemeinsam mit den Charaktere zu überlegen, wie es weitergeht, um Weiterentwicklungen überhaupt erst zuzulassen.
Es hängt für mich also auch von der Länge der Geschichte ab, wie viel an Plot ich handhaben kann. Ich hab gerade eine Novelle gelesen, in der die beiden HCs vom Regen in die Traufe in eine Springflut geraten (letztere ist wörtlich zu nehmen). Die Situation wurde von schlecht zu schlimmer zu ganz schlimm, und ich liebte jede Minute davon. Es gab eine ruhigere Szene (wo das Lebens der HCs mal nicht in Gefahr war) und ansonst non-stop Action. Ich glaube nicht, dass ich das Tempo für einen ganzen Roman durchgehalten hätte, ohne mehrere Pausen beim Lesen zu benötigen, aber für diese 27.000 Wörter war es grad richtig.
Was mir auch auffiel, war, dass ich trotz vieler Wendungen und ständig größer werdender Katastrophen eine klare Charakterentwicklung brauche. Sonst kann ich nicht mit den Charakteren mitfiebern und mich lassen auch die raffiniertesten Plots kalt. Was bei dieser Novelle extrem gut gelang. Da wurde während der Jagd auf eine flüchtige Verbrecherin auch noch die Beziehung der beiden HCs zueinander, ihre Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit diskutiert, und sie entwickelten sich selbst in dieser kurzen Zeitspanne, die die Novelle umfasst (ein Tag), weiter.

Womit ich mehr ein Problem habe als mit einer Anhäufung an Katastrophen ist eine Anhäufung von Klischees. Besser gesagt von immer wiederkehrenden Handlungsmustern, die im Englischen als tropes bezeichnet werden. Die so oft in Büchern benutzt wurden, bis sie nicht mehr spannend, sondern abgenutzt sind: Rettung in letzter Sekunde; ein zufällig auftauchender alter Freund, der den entscheidenden Hinweis gibt; die Feststellung, dass der HC Bomben entschärfen kann, was nie zuvor erwähnt wurde, und ihm erst einfällt, als die Bombe vor einem liegt; es war alles nur ein Traum…
Allgemein mag ich nichts lesen, was ich schon hunderte Male gelesen habe. Aber… und es ist ein großes ABER: Wenn es gut geschrieben ist, akzeptiere ich so ziemlich alles. Selbst Plotpoints, die mir abgenudelt vorkommen, wenn sie mir jemand erzählt, können in Händen eines guten Autors spannend und sogar originell sein, wenn eben nicht die erwartete Auflösung kommt.
In zuvor erwähnter Novelle geht es um eine flüchtige Verbrecherin, die hochschwanger ist. Natürlich setzen irgendwann die Wehen ein. Während ich mich mental auf die unvermeidliche Geburtsszene mitten in der Wildnis mit zwei völlig überforderten Männern als Geburtshelfer vorbereitete, schilderte der Autor dieses Szenario realistisch – die Frau bekommt ihr Kind nicht nach 5 Minuten Wehen, sondern wird so schnell wie möglich in ein Krankenhaus gebracht. Womit er einerseits meine Erwartungen unterlief und mir einen Ausgang aus dem Handlungsmuster gab, den ich nicht erwartet hatte (weil ich seit unzähligen TV-Episoden und Romanen darauf geeicht bin, dass eine Schwangere immer im gefährlichsten Moment ihr Kind hier und jetzt bekommen wird) und andererseits zeigte, dass seine Charaktere nicht blöd sind und sich Hilfe holen auf einem Gebiet, auf dem sie keine Ahnung haben.
Der Autor schaffte es in einer weiteren Novelle, mir nach anfänglichem Augenrollen einen Amnesie-Plot zu verkaufen, und zwar dermaßen gut, dass ich nicht nur erfreut war, dass er nicht die übliche Route nahm, sondern mitfieberte, wie es ausgehen würde (und das, obwohl ich wusste, wie es ausgeht, weil ich die Inhaltsangabe zur Fortsetzung kannte).

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Als Fazit: Ein guter Autor kann mir jedes Plot-Klischee der Welt andrehen, wenn er es schafft, dass ich auf emotinaler Ebene an den Charakteren interessiert bin und wenn es gut geschrieben ist – klarer Stil, das Zeigen von Emotionen und kein Erklären, kausale Abfolge von Aktion und Reaktion und immer eine offene Frage, die mich zum Weiterlesen treibt.
Wenn in einem Roman die Plotwendungen zahlreich sind und die Schicksalsschläge nur so auf die HCs hereinprasseln, werde ich gebannt weiterlesen, wenn ich dazwischen ein paar Verschnaufpausen bekomme und in diesen Pausen immer eine unbeantwortete Frage im Hintergrund bleibt.

Ich lese keine Geschichten, um über das wunderbare, sorgenfreie Leben von fiktiven Personen Bescheid zu wissen. Ich lese Geschichten, weil ich dort die Aufregung, die Dramatik und die Lebensgefahr erfahre, die ich im echten Leben nicht habe (wofür ich sehr dankbar bin). Es ist ein Trockentraining für den Ernstfall, bei dem mein Hirn mögliche Reaktionen auf Gefahrensituationen durchspielt und abspeichert (und ich denke, das werde ich in einem zukünftigen Beitrag genauer erkunden).

Wer sich mehr für die Auswirkungen von Geschichten auf das menschliche Gehirn interessiert und eine wissenschaftliche Erklärung für die Jahrtausende alte Tradition des Erzählens lesen will, dem empfehle ich Wired for Story: The Writer’s Guide to Using Brain Science to Hook Readers From the Very First Sentence von Lisa Cron.

Jery

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Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
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7 Antworten zu Plotwendungen – Wann ist viel zu viel?

  1. dreamertalks schreibt:

    Und wenn Du mir jetzt noch den Titel der Novellen verraten würdest… Amnesie ist eines meiner auto-buy Muster und die Sache mit der Schwangeren hätte mich komplett abgeschreckt, aber Du hast es sehr gut verkauft, also bitte Titel und Autor 🙂

    Übrigens freue ich mich, dass ich auch mal zum Denken anregen konnte.
    War das nicht letztens erst andersrum? Das ich etwas bei Dir gelesen und darüber nachgedacht habe?

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    • Jery Schober schreibt:

      Ich lese immer gerne deine Beiträge, weil ich mich oft wiedererkenne und/oder für mich überlege, wie ich das so handhabe oder was ich anders machen würde. Und ich mag deine offene Art, das gibt mir das Gefühl, nicht allein im Autorenwahnsinn zu sein 😉

      Wirklich, Amnesie ist Auto-Buy? Mehr so in Richtung Thriller, oder bei Lovestories? Ich bin da immer im Zwiespalt – wenn es gut gemacht ist, liebe ich es, weil es so viele Möglichkeiten gibt, dass Charaktere sich und ihre Beziehungen neu entdecken. Wenn es schlecht gemacht ist… *schauer* Dass eine Schwangere auftaucht, wusste ich zuerst nicht (die HCs auch nicht), und als sie mit dabei war, war es schon zu spät, und ich wollte wissen, was nach einem Gewitter, einem Bountyhunter und einer Springflut noch alles an Katastrophen kommen würde. Realistisch? Nööö, aber verdammt spaßig 😀

      Die beiden Novellen sind Teil 3 und 4 der Dangerous Ground-Reihe von Josh Lanyon, Blood Heat (schwangere Informantin auf der Flucht, mit einem herrlichen Kopfgeldjäger, der die besten Dialogzeilen bekam) and Dead Run (Bombenanschläge in Paris inkl. einer Gehirnerschütternung mit partiellem temporären Gedächtnisverlust). Ich schätze, man kann alle Novellen unabhängig voneinander lesen, aber da die Beziehungsentwicklung ziemlich fortschreitet, ist chronologisch wohl besser. Bonuspunkte gibt’s für # 2, wo Menschen doch tatsächlich mal pinkeln müssen 😀
      Lanyon ist bei mir hit & miss – einige Sachen mag ich irrsinnig gern (wie Will & Taylor in den Novellen), andere lassen mich eher kalt (wie Holmes & Moriarty, les ich gerade).

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      • dreamertalks schreibt:

        Von Lanyons Schreibratgeber schwärme ich ja immer wieder, aber ich hatte mal versucht eines seiner Bücher zu lesen und das war nicht mein Ding. Schreibt er nicht in der Ich-Form? Aber interessant klingen die Novellen jetzt doch…

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        • Jery Schober schreibt:

          Die Novellen zum Glück nicht, die sind aus 2 POVs erzählt. Vermutlich mag ich sie deshalb so sehr. Und weil hier dauernd Action herrscht und ich nicht dazu komme nachzudenken, ob der Plot jetzt sooo sinnvoll ist 😛
          Ansonsten hat Lanyon wirklich viel Ich-Form (nicht so wirklich meins). Das einzige Buch in Ich-Form, das ich bis jetzt sehr mochte, war Fair Game. Da war die Ich-Form ein Vorteil, weil Lanyon damit einen sehr unzuverlässigen Erzähler durchbrachte. Dem Leser erschloss sich erst nach und nach, dass dieser eine seeehr einseitige Sicht auf ein Beziehungsende hatte.

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  2. Christian Weis schreibt:

    Das Fazit kann ich zum allergrößten Teil unterschreiben. „Jedes Klischee“ sollte es vielleicht nicht gerade sein ;-), jedenfalls keine Anhäufung von Klischees, aber da das Rad sowieso nicht ständig neu erfunden werden kann, lassen sich Klischees gar nicht vermeiden. Die Mischung und Variation, sprachlich ansprechend verpackt, macht’s letztendlich.

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