Revision # 6 – Mit der Axt durch den Wald

Überarbeitungen erfordern bei mir keine Feder, keinen Radiergummi und keinen Thesaurus, sondern eine Tastatur und eine Axt.

Ich bewundere Autoren, die so saubere Erstfassungen hinlegen, dass die Struktur felsenfest steht, alle nötigen Szenen geschrieben sind, nichts dazukommen muss und nichts gekürzt werden muss. Die sich ganz auf die sprachliche Ebene konzentrieren können, wenn um die Überarbeitung geht.
Nachdem das bei mir nie funktioniert (und ich muss wirklich mal ergründen, warum meine Muse absolut jede Abzweigung nehmen muss, die sie im Plot sieht, und wenn sie keine sieht, baut sie eine), ist mein erster Schritt nach dem Gesamtüberblick eine ehrliche Einschätzung, was ich da vor mir habe, und eine genauso ehrliche Beurteilung, wo ich hin will. Um es mit Holly Lisles Worten zu sagen: „Creating a target I can hit.“

Ich weiß, wo ich hin will, ich weiß nur noch nicht, wie ich dort ankommen soll. Als ersten Schritt konzentrierte ich mich auf den Haupthandlungsstrang, und alles, was eine zu große Abzweigung wäre, wurde zum Szenen-Wackelkandidaten.

Letzte Woche strich ich 21k aus dem Manuskript.
Diese Woche flogen die nächsten 42k raus. In 15 Minuten entfernte ich das Ergebnis von Monaten von Schreibarbeit. Ob mich das traurig macht? Nee, überhaupt nicht *schnüff*

Leider geht das Entfernen nicht unbedingt ersatzlos. In jeder Szene sind Informationen enthalten, die ich für den Plotfortschritt brauch, sonst hätte ich die Szene ja nicht geschrieben. Manchmal ist es nur eine Kleinigkeit, manchmal eine große Enthüllung. Diese Infos muss ich woanders einbauen, also ist jede der gestrichenen Szenen gespickt mit Leuchtstift-Markierungen für „behalten und woanders einbauen“, „behalten und in einem anderen Projekt verwenden“ und „echt jetzt? was hast du dir dabei nur gedacht?“.

Von den ursprünglich 228k sind jetzt noch 165k übrig. Noch immer zu viel, aber schon viel besser. Langsam schält sich aus dem Wulst an Worten die Geschichte heraus, die ich erzählen will.

Jetzt brauche ich eine größere Recyling-Tonne, in der jeder gestrichene Schnipsel aufbewahrt wird. Nichts wurde umsonst geschrieben. Wenn es nicht woanders Verwendung findet, dann rangiert es noch immer unter „üben“.

Nun schultere ich wieder die Axt und singe leise vor mich hin, während ich eine Schneise der Verwüstung in meinem Wortwald hinterlasse: „He ho, he ho, and off to work I go...“

Jery
KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

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Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
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13 Antworten zu Revision # 6 – Mit der Axt durch den Wald

  1. Evanesca Feuerblut schreibt:

    So gehört sich das 😀
    Ich gehöre ja zu den (scheinbar wenigen) Autoren, die das genau gegenteilige Problem von deinem Problem haben und immer zu wenig und zu wenig ausführlich schreiben. Aber beides ist nicht gerade einfach und… wie du richtig festgestellt hast, schreibt man ohnehin nichts umsonst. Schreiben ist oft genug Selbstzweck, dient zumindest dem Üben oder man kann das Geschriebene irgendwann wiederverwenden.
    Nichts ist je wirklich weg.
    Wo organisierst du das momentan hin?

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    • Jery Schober schreibt:

      Ich hab die Urfassung als eigenen Entwurf gespeichert (in Scrivener), wo weiterhin alles drin ist und drinnen bleibt. Die erste Überarbeitung (richtige Reihenfolge und ein paar Anmerkungen) erfolgte in einer Kopie, Draft 1.1, die momentane (drastische Kürzungen, wo ganze Kapitel fliegen, und eine Menge Notizen, v.a. was Anschlüsse und zu behaltende Infos angeht) mache ich gerade in 1.2. Ich hab so die komplette Fassung gespeichert und mache alle Änderungen in Kopien davon. Geht recht einfach mit Scrivener, weil ich diese Entwürfe komplett kopieren kann, mit allen Anmerkungen und farbigen Markierungen.
      2 Subplots bringe wahrscheinlich ich in der Fortsetzung unter, die ohnehin zu kurz war und jetzt damit aufgefettet wird. Ich bin ein großer Fan von Recycling 😀
      Nachteil: Ich muss eine Menge umschreiben, anpassen und Querverweise einfügen bzw. rausnehmen. Ist eine Futzelarbeit, zu der ich erst noch komme. Bin noch in der Phase des „großen Ganzen“.

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  2. para68 schreibt:

    Das klingt doch alles sehr positiv. Vor allem wirst Du es so schaffen, den Pakt einzuhalten, was Dir ja sehr wichtig ist. 🙂

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  3. Hanna Mandrello schreibt:

    Huh, das hört sich nach einer wirklich großen Aufgabe an. Aber ich sehe das wie du, nichts wird umsonst geschrieben. Bestimmt kannst du deine Subplots mal verwenden und freust dich dann, dass es da schon was Fertiges gibt. Ich bin höllisch gespannt darauf, was zum Schluss von den 165k übrig bleibt 🙂

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    • Jery Schober schreibt:

      Auf jeden Fall wird am Schluss eine Autorin am Rande des Nervenzusammenbruchs übrig bleiben 😀

      Ich freu mich jetzt schon über meine fertigen Subplots, die das Problem lösten, wie ich aus einer Novelle einen Roman mache. Natürlich geht es nicht wirklich mit Copy & Paste, da gehört noch viel adaptiert, aber den Kern der Szenen kann ich beibehalten *freut sich, dass sie gemein zu ihren Charakteren sein darf*

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  4. chickinwhite schreibt:

    Ooops, wie konnte ich das übersehen?? ❓ (ich bin wirklich ganz schön nachlässig zur Zeit….*schüttelt den Kopf über sich selbst*)
    Und… hey wow! So emsig wie du schreibst so emsig streichst du wohl auch?? 63k Worte einfach rausstreichen…. Kompliment, das hätte ich nicht so einfach erwartet, und schon gar nicht in diesem Tempo…. Aber es scheint ja zu funktionieren! Das ist wohl ein bisschen wie Bildhauerei: je mehr du weg nimmst, desto klarer wird das Werk das drin enthalten ist…
    Pass aber auf, dass die Axt nicht irgendwann zu grob wird. Dann wechsel lieber rechtzeitig zu den feineren Werkzeugen, Hämmerchen hier, Meißelchen da, und an manchen Ecken tut´s dann auch das Schleifpad…
    Nicht, dass ich mich am Ende mit 300 läppischen Seiten zufrieden geben muss… *grinst* – ich bin doch ein Fan von längeren Geschichten … 😉
    *winkt*

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    • Jery Schober schreibt:

      Von „einfach“ rausstreichen kann keine Rede sein… war eine harte Entscheidung, und es durchzuziehen, noch viel härter. Aber dieser Blog heißt nicht umsonst „Marmor und Ton“ – ich bin Marmor-Schreiber und schreibe immer viel zu viel, weil ich mir während des Schreibens Handlung, Charaktere und Motive erkläre. Später entscheide ich dann, was davon für den Roman essentiell ist und was nur unnötiges Blabla ist, wo der Autor bemüht war, seine Charaktere besser zu verstehen. Nicht unbedingt eine ökonomische Schreibweise, aber ich seh’s mittlerweile als Übungsstunden an. Nichts, was je geschrieben wurde, ist verlorene Zeit.
      Und keine Sorge, es wird sicher nicht zu kurz werden. Ich peile 150k an. Falls es dir zu wenig sein sollte, hast du noch immer die Möglichkeit, auf dem „director’s cut“ zu bestehen 😉

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