Rezension: „Die Wächter der Nimmersterne – Donner“ von André Aeskinger

Nimmersterne

Titel: Die Wächter der Nimmersterne – Donner

Autor: André Aeskinger

Roman, 2014, Self Publishing

Genre: Steampunk

Inhalt:
Im Inselreich Starfall erleichtern Artefakte den Menschen das Leben und verleihen ihnen unglaubliche Fähigkeiten. Einst aus dem Meer geborgen, ist ihre genaue Herkunft unbekannt, ihre Funktionsweise trotz Jahrzehnten der Forschung ein Rätsel.
Anthony Haynes lebt vom Handel mit Artefakten. Dass er dabei nicht immer mit legalen Mitteln vorgeht, passt zu seiner Rolle als selbsternannter letzter Pirat von Starfall. Seit der Ermordung seines Vaters ist er auf der Suche nach Antworten – warum musste sein Vater sterben, was hat die Herkunft der Artefakte damit zu tun und wo kommt der Donner her, der Anthony in Albträumen heimsucht?
Während eines Spiels, dessen Gewinn Artefakte sind, wird Starfall von einem unbekannten Gegner aus der Luft angegriffen. Scheinbar geht es um den Diebstahl der Artefakte, doch dass weit mehr dahinter steckt, erfährt Anthony schneller als ihm lieb ist – plötzlich wird er wegen Mordes gesucht.
Und nicht nur er wird gejagt, auch die Mechanikerin Vivienne Maiden steht unter Mordverdacht. Um ihre Unschuld zu beweisen, arbeiten sie notgedrungen zusammen.
Vivienne will weder mit Anthony noch mit mysteriösen Überfällen etwas zu tun haben. Sie lebt und arbeitet für den einen Tag im Jahr, an dem sie ihre Tochter sehen darf, die seit der Scheidung bei ihrem Ex-Mann lebt.
Beide versuchen ihre Unschuld zu beweisen und verfolgen die Spur der Artefakte zum Gegner Starfalls und zu ihrem Ursprung auf dem Meeresgrund. Anthony muss sich den Geistern seiner Vergangenheit stellen, die unerwartet zum Leben erwachen, während Vivienne ihren eigenen, sehr leibhaftigen Dämon bekämpft.
Dabei wird aus ihrer Zweckgemeinschaft echte Freundschaft und vielleicht sogar mehr, wenn sie es schaffen, das Geheimnis um die Natur der Artefakte zu lüften.
Zusammen kämpfen sie um ihr Leben, das Leben von Vivs Tochter und die Zukunft ganz Starfalls.

Meine Meinung:

Der Roman hat einen spannenden Einstieg – Anthony weiß, dass er gerade vergiftet wurde und stellt sich trotzdem einer Partie eines Spiels um Artefakte.
Ich wollte sofort wissen, wie es dazu kam, warum er weiterspielt und was es mit den Artefakten auf sich hat, deren Funktionsweise er instinktiv erkennt. Und wurde erst mal enttäuscht. Statt eines aufregenden Spiels um das Gegengift wurde ich mit Namen und großteils englischen Begriffen erschlagen, die in mich in dieser geballten Form in Verwirrung stürzten. Als das Kapitel mit einer Explosion endet, wusste ich noch nicht einmal, WO Anthony überhaupt ist.
Das 2. Kapitel begann mit einem Charakter, der großen Raum erhielt, um bis auf eine Erwähnung nie wieder eine Rolle zu spielen. Dass es zeitlich VOR dem 1. Kapitel spielt, machte es nicht leichter, der Handlung zu folgen – ich wollte wissen, wie es mit Anthony weitergeht und nicht, wie die Mechanikerin zu dem Spiel gestoßen war.
Mit dem 3. Kapitel nimmt die Geschichte deutlich Fahrt auf, ich bekam endlich ein Gefühl dafür, wo der Roman spielt und um was es geht. Eine wilde Verfolgungsjagd, die mich an den Bike-Ritt durch die Wälder von Endor erinnerte (was immer ein Kompliment ist) führte zum näheren Kennenlernen von Anthony und Vivienne, und von da an strebte das Buch mit einem Höllentempo dem Höhepunkt entgegen. Die wenigen ruhigeren Stellen brauchte ich als Leser dringend, um zu verschnaufen und mich zu orientieren.

Die Charaktere sind zu Beginn etwas zu sehr „on the nose“ – der Leser bekommt deutlich gesagt, was ihre Einstellung ist und was sie antreibt, sie erhalten aber schnell echte Tiefe. Beide HCs haben eine tragische Vergangenheit hinter sich, was ihr gemeinsamer Boden für eine engere Verbindung ist.
Anthony hat den gewaltsamen Tod seines Vaters nie überwunden. Von Albträumen gepeinigt, hat er sein ganzes Leben der Erforschung der Natur der Artefakte gewidmet. Es bleibt kein Platz für Freunde und Beziehungen, und genauso mag er es. Ich brauchte einige Zeit, um mit ihm warm zu werden, weil seinen egoistischen Handlungen keine ausgleichenden Gedanken gegenüberstanden, die Zweifel enthüllt hätten. Erst in Kapitel 10 wurde er mir wirklich sympathisch, als er die Maske fallen lässt und den guten Kern zeigt, der in ihm steckt.

Viviennes Selbstwertgefühl wurde ihr durch ihren Ex-Mann gründlich ausgetrieben. Es dauert lange, fast zu lange, bis sie endlich Widerstand leistet und nicht mehr widerspruchslos alles mit sich machen lässt. Gegen Ende hin wollte ich sie mehr als einmal schütteln und wurde durch eine grandiose Wendung belohnt, bei der sie alles rauslässt, was sich über die Jahre in ihr angestaut hat.

Die Liebesgeschichte zwischen den beiden entwickelt sich langsam. Keine Insta-Love, keine glühenden Liebesschwüre, keine Gefühle, die allein über körperliches Verlangen definiert werden, und das mochte ich sehr. Aus Streitduellen über Waffenstillstand und einem Bündnis, das beiden nützt, wird Freundschaft. Die Beziehung gewinnt in beider Leben immer mehr an Bedeutung, ohne dass darunter die Suche nach dem Ursprung der Artefakte leidet. Höhepunkt ist ein Kuss, der in seiner epischen Beschreibung die Romantikerin in mir aufseufzen ließ. Leider bekam mein innerer Romantiker kein weiteres Futter, was ich ein bisschen schade fand.

Die Nebencharaktere bekommen naturgemäß weniger Raum zur Entfaltung, entwickeln allerdings durchaus ein Profil. Viviennes Tochter Liv ist eines der wenigen Kinder in Büchern, die mich nicht nervten, was ich von Papagei Polly nicht behaupten kann. Der Wirt Bailey hat einiges wiedergutzumachen, verblasst aber neben dem ehrgeizigen Gardisten Finley, der einfach nicht totzukriegen ist. Ihn mochte ich von allen NCs am liebsten – er konnte es nicht verwinden, dass eine Frau besser sein sollte als er, und stürzte sich trotzdem in den Kampf an ihrer Seite.

Aeskinger arbeitet mit ungewöhnlichen Metaphern und hat dabei eine 50 %ige Erfolgsquote. Bei der Hälfte musste ich lachen, weil das heraufbeschworene Bild neu und überzeugend war, bei der anderen Hälfte war es mir zu viel an gewollter Originalität, und aus ungewöhnlich wurde übertrieben.
Der Schreibstil ist eingängig und glänzt mit erheiternden Passagen, auch wenn der Autor dabei oft übers Ziel hinausschießt, in den Melodrama-Topf greift und zu viele Adjektive einsetzt.
Bonuspunkte gibt es für die beste Kapitelüberschrift, die ich je in einem Roman sah: „Sie tragen eine Bombe zwischen den Beinen“. Und das ist absolut wörtlich gemeint 🙂

Fazit:
Der Steampunk-Roman mit Science-Fiction-Elementen erschwert es den Lesern mit einem verwirrenden Einstieg, sofort eine Verbindung zu den Hauptcharakteren aufzubauen. Wenn man die Verwirrung der ersten Kapitel überwunden hat, wird man mit einer rasanten Handlung belohnt, die einer Achterbahnfahrt gleicht, die Leser durch die Lüfte, über und unters Meer führt und ihren Höhepunkt in einem Vulkan erreicht.
Kleinere sprachliche Mängel, bei denen übers Ziel hinausgeschossen wurde, werden durch etliche Wendungen ausgeglichen. Es macht Spaß, das Buch zu lesen. Und das ist meines Erachtens das Beste, was ein Roman erreichen kann.
Von mir gibt es für diesen Höllenritt 4 Sterne. Ich hoffe auf weitere Abenteuer in der Welt der Nimmersterne, die bis auf das Inselreich Starfall unerkundet bleibt.

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Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
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6 Antworten zu Rezension: „Die Wächter der Nimmersterne – Donner“ von André Aeskinger

  1. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Das klingt wirklich nach einem Roman, der Spaß gemacht hat 😀

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  2. para68 schreibt:

    Danke für eine ausführliche und gut begründete Rezension. Das macht mir direkt Lust auf meinen ersten Steampunk-Roman. 🙂

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    • Jery Schober schreibt:

      Gib dem Autor noch ein paar Tage, bis er eine neue Fassung hochgeladen hat, die die Tippfehler ausmerzen sollte 😉
      Wenn alles in Steampunk so unterhaltsam wäre, hätte ich bereits mehr davon gelesen.

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  3. chickinwhite schreibt:

    Hmm, Steampunk ist mir fremd, aber du machst mich wirklich neugierig…

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    • Jery Schober schreibt:

      Ich hatte vorher auch nur ein paar Kurzgeschichten in dem Genre gelesen, mag es aber, solange es nicht zu sehr auf Technik ausgerichtet ist. Hab eine Schwäche fürs alte England, an das sich Steampunk meistens anlehnt.
      Ich weiß ja schon ein bisschen mehr über die Welt, als im Roman steht (wenn man den Autor lange genug nervt, rückt er mit Infos raus…), und der Hintergrund ist gut durchdacht. Ich hoffe auf weitere Bücher, damit ich mir meinen neuen Titel „Bluthund“ weiter verdienen kann (Bezeichnung von André nach meiner etwas, äh, genaueren Analyse per Email – die Rezi war mit 1000 Wörtern die gekürzte Fassung).

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