Wie man mit Selbstzweifeln umgeht

Vielleicht nicht der beste und sicher nicht der ausführlichste, dafür der wichtigste Ratschlag, den ich je für das Schreiben erhalten habe, stammt von Brent Weeks, einem US-amerikanischen Fantasy-Autor.
Auf die Frage, wie man mit Selbstzweifeln umgehen soll, antwortete er in der Ratschlag-Sektion (die ich sehr empfehlen kann, und es gibt Bonus-Punkte für das Rilke-Zitat am Anfang) auf seinem Blog:

„Man bewältigt Selbstzweifel nicht. Man ignoriert sie.“

Und er hat Recht. Sobald man sich mit dieser störenden Begleiterscheinung beschäftigt, gewinnen sie an Macht. Selbstzweifel zerstören unser Selbstbewusstsein, fördern Ängste und führen zu einer Schaffenskrise.

Das soll nicht heißen, dass man dem eigenen Werk nicht kritisch gegenüber steht. Jede Überarbeitung verlangt beinharte Ehrlichkeit mit sich selbst und der Geschichte. Das setzt voraus, dass ich eine Geschichte habe, die sich überarbeiten lässt. Um zu den Punkt zu gelangen, muss man Selbstzweifel überstehen.
Später muss man sie gekonnt umgehen, wenn man das fertige Werk an die ersten Testleser schickt, sonst wagt man diesen Schritt erst gar nicht. Danach werden sie nicht beachtet, wenn man es an Agenten/Verlage schickt oder selbst veröffentlicht.

Alle Kritiken und Rezensionen sollte man auf das fertige Buch beziehen und nicht auf sich selbst als Person. Nur, weil das Buch als schlecht geschrieben gerügt wurde, heißt das nicht, dass ich ein schlechter Autor bin. Es heißt nur, dass ich bei diesem Buch als Autor versagt habe und besser werden muss. Beim nächsten Buch.
Wenn die Selbstzweifel zuschlagen, gibt es kein nächstes Buch.
Es ist keine Vogel-Strauß-Taktik, sich vor Selbstzweifeln zu verschließen, sondern überlebensnotwendig als Autor. Nur wenn ich weiterschreibe, kann ich mich verbessern, und Autor sein heißt, eine Geschichte auf die mir bestmögliche Art zu schreiben. Und dann die nächste. Und die nächste.

Meine Selbstzweifel sind vorhanden, keine Frage. Aber seitdem ich mit der Weeks-Methode vorgehe, behindern sie mich nicht mehr.
Sie schlummern irgendwo in mir, und wenn sie, je nach Stimmung und Projekt, alle paar Tage, Wochen oder Monate ihr hässliches Haupt heben, mache ich das einzig Vernünftige: Ich ignoriere sie.

Jery
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Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
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10 Antworten zu Wie man mit Selbstzweifeln umgeht

  1. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Wenn du wüsstest, wie passend dieser Blogpost gerade ist in Bezug auf eine Situation, die ich erst kürzlich verarbeiten konnte und die jahrelang an mir genagt hat. Gerade in Bezug auf Selbstzweifel… 😀
    Die Selbstzweifel werden vermutlich auch jetzt noch in Wellen kommen. Aber nicht mehr so stark wie früher 🙂

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    • Jery Schober schreibt:

      Das sie kommen, ist ganz normal, ich glaube auch nicht, dass das jemals aufhören wird. Schließlich ist ein gesunder kritischer Blick hilfreich, spätestens beim Überarbeiten. Du darfst nur nicht auf die Selbstzweifel hören 😉

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  2. para68 schreibt:

    Zunächst einmal: schönes, stimmungsvolles Winterbild, gerade jetzt, da es hier mal wieder regnet und stürmt.

    Den Ratschlag finde ich gerade für zur Selbstkritik neigende Autoren sehr gut. Wenn er sich nur auch so leicht umsetzen lassen würde, wie man ihn nachvollziehen kann. *seufz*

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    • Jery Schober schreibt:

      Danke 🙂 Ich wollte zuerst was mit Schnee einfügen, aber der Raureif ist näher dran am Jetzt-Zustand. Schneebilder biete ich zu Weihnachten, damit es wenigstens im Netz „White Christmas“ gibt.

      Das mit der Umsetzung geht mal besser, mal schlechter. Je länger man das Ignorieren übt, desto leichter fällt es einem, ist zumindest bei mir so. Den letzten Anfall hatte ich nach einer halben Stunde abgewürgt.
      Meine Selbstzweifel haben einen hübschen Kellerplatz neben dem inneren Kritiker, der erst wieder zur Überarbeitung aus seinem Fass heraus darf. Wobei, wenn ich mich so umsehe, langsam wird’s voll in meinem Keller mit den arbeitenden Jungs, die unter dem Kommando der Muse stehen, dem Kritiker, den Selbstzweifeln und meinen beiden speziellen Freunden, Versagensangst und Panik… Ich brauch ein größeres Haus.

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  3. chickinwhite schreibt:

    Ich muss para68 zustimmen: sehr wertvoll, vorausgesetzt man kann es umsetzen. Wie leicht hingegen ist es, sich in den Schatten der Selbstzweifel zu verlieren, sich von ihnen jagen zu lassen bis man völlig verängstigt sich hinter imaginären Baumwurzeln verkriecht und sich nicht mehr hervortraut mit seiner Geschichte.
    Bleibt uns allen nur zu wünschen, dass Kritik, so berechtigt sie immer auch sein mag, und so hilfreich!!, doch auch den richtigen Ton findet, der nicht einfach niederprügelt sondern kräftig voranschiebt…
    Oh, PS:
    Brent Weeks!!! 😉

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    • Jery Schober schreibt:

      Ach, hab ich da einen weiteren Brent Weeks-Jünger gefunden? Kennst du seinen Antwort auf die Frage, wie er Bösewichte schreibt? 😉 Seitdem liebe ich ihn.

      Baumwurzeln? Nichts da, bei mir kommt alles in den Keller und bleibt erst mal dort, bis es halb vermodert ist. Äh, können Selbstzweifel vermodern? Nicht, dass die unter Lichtentzug erst richtig zu wuchern anfangen…

      Gibt es den richtigen Ton bei Kritik? Was für mich gut klingt, kann sich für dich ganz fürchterlich anhören.
      Ich finde es am schwersten, sich auf die unterschiedlichen Autoren einzustellen – die einen wollen die ungeschminkte Wahrheit in klaren Worten, die anderen nur die schlimmsten Fehler gesagt kriegen (was auch Ansichtssache ist), und wieder andere sind zwar dankbar für jede Form von Kritik, setzen aber nichts davon um, weil es ihnen zu viel Arbeit ist, eine fertige Geschichte zu ändern. Manche sagen, sie wollen die Wahrheit, vertragen sie aber nicht, manche sagen ängstlich, dass nichts Negatives über ihr Buch hören wollen, reagieren dann aber äußerst gut auf Anmerkungen.
      Verwirrt mich jedes Mal, und ich weiß auch nie, ob meine Anmerkungen anschiebend oder hemmend sind, weil jeder anders reagiert. Ich würde Kritik am liebsten so mitteilen, wie ich sie persönlich gerne kriegen würde, hab aber festgestellt, dass das keiner hören will 😛

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  4. chickinwhite schreibt:

    Hm, wahrscheinlich hast du da wesentlich mehr Erfahrung als ich, bei Autoren-Kritik mein ich. Jetzt bin ich aber wirklich gespannt wie du Kritik am liebsten bekommst. Nee, warte… ich schätze klar und deutlich, ohne Beschönigung und auf den Punkt, richtig? 😉 Mir ist es wichtig dass man sachlich bleibt und keine emotionalen Rundumschläge verteilt. Dann geht das alles… Aber letztlich kam bislang auch nur Echo aus meinem Lieblingsfandom, und da sind die meisten wirklich dankbar für alles was sie kriegen 😀
    Wenn ich da so an deine Filmkritiken denke… *duckt sich* ist so´n rauer Herbststurm wahrscheinlich ne sachte Brise dagegen… *LOL*
    …?? Na, dann pack ich mich mal besser in den winddichten Ostfriesennerz ein, wenn du über meine Geschichten stolperst… *grinst*
    Brent Weeks! YES! Der macht richtig Spass. Ich hab die Night Angelserie verschlungen.

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    • Jery Schober schreibt:

      Von Sachlichkeit gehe ich mal aus. Ich kritisiere Geschichten, nicht ihre Autoren. Ich betone auch immer, dass es meine persönliche Meinung ist (es sei denn, es sind schwere logische Fehler drin, die Allgemeingültigkeit haben) und andere Leser das ganz anders sehen. Erlebe das selbst permanent bei zwei meiner liebsten Betaleser, die einen gegensätzlichen Geschmack haben und komplett unterschiedliche Sachen als negativ vermerken.

      Ich glaube, bei FF eint schon mal die Liebe zum Fandom, was andere Voraussetzungen sind, als wenn ich eine komplett neue Welt mit neuen Charakteren vor mir habe, von denen ich mir noch kein Bild gemacht habe. Da geht es meiner Einschätzung nach weniger um gute Struktur und den perfekten Spannungsaufbau, sondern um Emotionen, alternative Sichtweisen und das wunderbare „was wäre wenn“-Spiel.

      Wenn du meine Bemerkungen zu Filmen schon für hart hälst, dann willst du nicht hören, was ich zu Axel Rose zu sagen habe 😉 Filme sind wie Bücher Geschmackssache, und gehäkelte Kettenpullunder sind nun mal nicht mein Geschmack.
      Ich bin aber sonst ein ganz lieber Feedback-Geber, v.a. bei abgeschlossenen Stories, die eh nicht mehr geändert werden. Gnadenlos bin ich nur auf ausdrückliche Anfrage und nach Unterschrift einer Verzichtserklärung auf Geltendmachung von Schadenersatzansprüchen aus welchem Titel auch immer (und insbesondere aufgrund von seelischer Grausamkeit – merkt man, in welchem Metier ich arbeite?).

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      • chickinwhite schreibt:

        *lacht*
        Lass mich raten: Kleintierzüchtervereinvorstandsvorsitzende isses glaub ich nicht, richtig?? 😀
        Axl? DER Axl? Was hast du plötzlich gegen axl? gehäkelte Kettenpollunder (?????) – hört sich reichlich fies an, aber da steh ich gerade komplett auf dem Schlauch…*suspicious eye-brow-raise*

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        • Jery Schober schreibt:

          Der Fantasy-Film, der so furchtbar war, dass ich den Titel sofort wieder verdrängt habe, hatte Kettenhemden aus Silbergarn gehäkelt. Mit Bündchen!!!

          Ich hatte schon immer was gegen Axel, und ich stehe dazu 🙂 Ich mag seine Songs, sofern er sie nicht selbst singt. Und sich nicht dazu bewegt. Und auf der Bühne nicht präsent ist. (Ewiges Streitthema zwischen mir und BEVA, einem Guns’n’Roses Fan)

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