NaNo 2014 – Halbzeit – Fantasy ist kein Ponyhof

Während des NaNo stellte ich wieder einmal fest, dass Fantasy kein fluffiger Ort für My Little Ponys ist. Wenn ich ein Buch schreibe, das Stein und Stahl heißt, dann kann ich davon ausgehen, dass es hart wird. Nur vergesse ich das ab und zu.
Nur weil Fantasy draufsteht, heißt das nicht, dass lustige kleine Männchen mit Zipfelmützen durch die Gegend hüpfen, sprechende Tiere Lebensweisheiten ablassen und wunderschöne geflügelte Feenmädchen und -jungs durch die Luft surren und goldenen Feenstaub hinterlassen. Nichts an diesem Buch ist lieblich und schön, es ist keine Märchengeschichte mit einem vorprogrammierten guten Ende.
Auch wenn dieser Romane eine Moral hat: Bad things happen to good people. Auch guten Menschen passieren schlimme Dinge.

Es waren letzte Woche zwei Szenen dabei, die für mich schwer zu schreiben waren. Nicht, weil sie technisch aufwendig waren oder so viel in ihnen passierte, dass ich nicht weiß, wo vorne und hinten ist und eine Zeitlinie brauche, um den Überblick zu bewahren. Es war auch nicht der emotionale Aspekt – ich schreibe gerne Szenen, wo es um Gefühle geht, egal ob positive oder negative (Hauptsache, intensive :-)). Es war der Inhalt.
Ich fühlte mich beim Schreiben unwohl, weil ich auf einem schmalen Grat balanciere – ich darf nicht zu viel der Gedanken des Charakters verraten, weil ich sonst die Spannung aus dem Plot nehme. Ich darf nicht zu wenig verraten, weil die Leser sonst nicht nachvollziehen können, was in der Person vorgeht. Doch selbst das war nicht das Schlimmste, diese Gratwanderung habe ich meistens.
Bei der Unterhaltung zwischen meinem HC und einem Antagonisten kam ich mir vor, als wäre ich der Bösewicht der Geschichte, weil ich den HC zu einer Entscheidung zwinge, zu der niemand gezwungen werden sollte.
Es war, soweit ich mich erinnern kann, das erste Mal, dass mir eine Szene beim Schreiben… unangenehm war. Mir fällt kein besseres Wort ein. Es hatte etwas Voyeuristisches, und anscheinend bin ich zwar gern in den Köpfen meiner Charaktere, aber ich gucke ihnen nicht gerne zu, wenn sie von Antagonisten zu etwas überredet werden, was mir persönlich gegen den Strich geht.
Hat mich noch Tage danach irritiert, weil ich bis jetzt nie ein Problem damit hatte, meinen Figuren wirklich grausame Dinge anzutun. Und ich rede nicht nur von Rosinen im Kuchen für den Rosinenhasser 😉 Ich hatte nicht mal Skrupel, einen meiner Lieblinge sterben zu lassen, und hab sogar frisch fröhlich darüber gebloggt 🙂 (wer’s verpasst hat: Charaktertod)
Dafür habe ich offenbar moralische Bedenken, wenn ich einen Charakter in den Hafen schicke und einen merkwürdigen Deal für eine Schiffspassage eingehen lasse *kopfschüttel*

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA
Bei Stein und Stahl kam ich drauf, dass einer meiner beiden Hauptcharaktere erst nach ca. 25 % des Buches seinen ersten Auftritt hat. Kleines Problem.
Dann stellte ich fest, dass ich nicht darum herumkomme, die „mysteriöse“ Vergangenheit eines Charakters ein bisschen zu zeigen, weil es echt schwer ist, mit einer Figur mitzufiebern, wenn sie sich nicht offenbart. Außerdem bin ich allergisch gegen „Mysteriöses“. Hab zu viele Klappentexte gelesen, wo das als Schlagwort vorkam, und fand nie etwas Geheimnisvolles in den Romanen.

Bei Vienna Calling bemerkte ich, dass der Subplot, den ich ersatzlos strich, für den Showdown nötig ist. Kleines Problem.
Und ich finde, dass meine beiden HC bis jetzt profillos sind. Wenn sie Autoreifen wären, würden sie aus dem Verkehr gezogen werden. Großes Problem.
Immerhin weiß ich jetzt, wie der Showdown bei dieser romance in seiner idealen Form abläuft, und bin mir sicher, dass dieser Ablauf nur solange Bestand hat, bis ich ihn schreibe. Dann wird etwas passieren, was alles schlimmer macht. Ich kenne meine Muse.
Seitdem ich mich daran erinnerte, dass ihr bislang immer eine Möglichkeit einfiel, meine mauen Höhepunkte aufzupeppen, sehe ich dem gelassen entgegen. Zumal mich noch 60k davon trennen, bis ich mir wirklich Sorgen machen muss, dass es gegen Ende hin meh wird und nicht wow.

Geschriebene Wörter: 30.568
Noch zu schreibende Wörter: 19.432
Projekte: 3 (He, es blieb dabei, kein Neues kam dazu! Wie, ich werde dafür nicht gelobt?)
Tage, die im NaNo vergangen sind: 15
Tage, an denen ich geschrieben habe: 13

Mein Polster hat sich ziemlich aufgelöst, aber ein wenig Herausforderung muss schon bleiben, sonst wäre es ja einfach. Und ein einfacher NaNo ist doch kein NaNo. Im November zwei Wochen Urlaub haben und auf einer Berghütte ohne Internet, dafür mit 24-Stunden-Zimmerservice, sitzen – da kann jeder 50k schreiben.
Im November neben Dayjob, Haushaltspflichten und unabdingbaren familiären Sachen noch 50k raushauen, während man den Schnupfen mit Tee bekämpft, die Sehnenscheidenentzündung sich gerade jetzt wieder meldet und die Nebelschwaden im Gehirn durch ständigen Schlafentzug nicht weniger werden… das ist Hingabe. Und der Wahnsinn des NaNo. Autor sein ist auch kein Ponyhof.

Vermutlich verliere ich den nächsten Samstag an soziale Verpflichtungen, deshalb sollte ich heute noch was zustande bringen, sonst bekomme ich keinen Kuchen.

Jery

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Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
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12 Antworten zu NaNo 2014 – Halbzeit – Fantasy ist kein Ponyhof

  1. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Oh Gott, meine kleine Schwester hat eine Sehnenscheidenentzündung. Ich weiß, wie schmerzhaft das ist und SO einen NaNo zu schaffen…. Mein Respekt!
    Ich hoffe, deine Muse findet kreative Lösungen für dein Problem und du musst dich nicht mit profillosen Figuren plagen.
    *daumendrück*

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    • Jery Schober schreibt:

      Meine Sehnen melden sich rechtzeitig, wenn es zu viel wird, und dann höre ich auf, am PC zu arbeiten. Da ich beruflich auch dauernd vorm PC sitze, ist das oft viel auf einmal, aber bis jetzt kam ich um eine richtige Entzündung noch rum, weil ich einen Horror davor habe. Da ist es besser, rechtzeitig Pausen einzulegen, auch wenn das den Schreibfluss hemmt.
      Mein Job wäre es ja, den Figuren mehr Profil zu verleihen. Dummerweise geschieht das erst, nachdem ich sie eine Weile geschrieben habe und sie mir vertraut sind. Deshalb wird bei mir auch alles so ultralang – das erste Drittel jeden Romans ist Jery auf der Suche nach Charakteren mit Profil 😉

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  2. para68 schreibt:

    Ein dickes Lob dafür, dass Du mit Deinem Wordcount schon so weit bist und es tatsächlich bei drei Projekten geblieben ist! Ein weiteres Lob daür, dass Du keine weichgespülte Feengeschichte schreibst, sondern spannende Fantasy, wobei es auch mal Verletzte oder gar Tote geben kann. So hart ist das Leben nun mal in einer Welt, die mit unserem Mittelalter vergleichbar wäre.
    Ich habe inzwischen auch festgestellt, dass der NaNo kein Ponyhof ist. Gestern war ich den ganzen Tag unterwegs und habe kein Wort geschrieben, Freitag waren Arbeit und Haushalt so stressig, dass ich kaum 500 Wörter schaffte und heute habe ich solche Kopfschmerzen, dass ich mein Ziel, alles wieder aufzuholen, auch verfehlt habe. Na ja, noch liege ich zumindest nicht weit zurück.

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    • Jery Schober schreibt:

      Wenigstens ein Lob, weil ich nicht noch mehr Projekte dazugenommen habe 🙂 Ich finde auch, dass meine Muse brav war.
      Wenn NaNo ein Ponyhof wäre, würden mehr Autoren den Sieg schaffen. Prozentuell gesehen sind es erstaunlich wenige. Noch sind gute zwei Wochen Zeit, um das Ziel zu schaffen, und auf schreibarme Tage kommen auch wieder schreibintensive. Ich seh da keinen Grund, warum Du es nicht schaffen solltest, mehr als die Hälfte hast Du schon und einen guten Rhythmus gefunden, das wird sich alles wunderbar ausgehen.

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  3. chickinwhite schreibt:

    Oha! Das mit dem Schreibproblem bei Szenen die einem persönlich quer laufen kenn ich… Allerdings, gerade wenn´s so schwer fällt ist man evtl. noch penibler als sonst schon und das kann zu einem verdammt guten Ergebnis führen… Also, High-Five dafür!
    Und ich schätze mal, deine Muse führt irgendwas im Schilde, wenn sie die beiden HCs noch nicht mit genug Profil markiert hat. Schau dich mal um, vielleicht hat sie irgendwo ein Eisen im Feuer und wartet nur auf den richtigen Moment um ihnen ihr Brandzeichen aufzudrücken…
    (Hm, warte, das könnte ich gebrauchen….)
    NANO ist definitiv kein Ponyhof! Und ich persönlich schwanke jeden Tag, nicht wegen des exzessiven Weinkonsums, ok, vielleicht manchmal, sondern in meiner Entscheidung ob heute ein guter Tag zum Schreiben ist.
    Aber es ist auch sehr spannend! Ich werde zwar deinen Vorsprung im Leben nicht mehr einholen, aber ich rechne mir gute Chancen aus,es trotzdem zu schaffen! Danach fall ich zwar sehr wahrscheinlich ins Koma, aber dann war´s das wert… 🙂
    So, und nun guck ich mal ob ich meine Heldin noch da wiederfinde wo ich sie gestern abgestellt habe… 😉

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    • Jery Schober schreibt:

      Ich werde der Muse sicher keinen glühenden Stab in die Hand drücken, sonst haben alle Jungs im Keller ein Brandzeichen von ihr und stellen die Arbeit gegen unwürdiger Bedingungen ein.
      Was heißt mein Vorsprung? Ich weiß, wann ich nicht zum Schreiben kommen werde, und brauche jedes Wort, was mir einen Polster verschafft, also kein Neid. Du bist super unterwegs und kriegst das hin. Und dann fallen wir zusammen ins Koma. Irgendwann muss sich der Schlafmangel rächen.
      Such du mal deine Heldin, ich geh mal gucken, was der Elf in meiner Abwesenheit mit der Adeligen angestellt hat. Man sieht sich beim NaNo 🙂

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  4. luisahenke schreibt:

    Du schaffst das, du schaffst das, du schaffst das!

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  5. wiesenirja schreibt:

    Oh Götter – Schnupfen und dann in Gefahr, nicht einmal Kuchen zu bekommen … Kann der Blütenelfenhof, pardon, das Leben so grausam sein? 😉
    Dranbleiben!
    Und Tee trinken!

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    • Jery Schober schreibt:

      Keine Sorge, alles gesund in diesem Haushalt. Die Bemerkung bezog sich mehr auf die worst case Szenarien, die Bekannten von mir während des NaNo widerfahren sind.
      Nach zwei Tagen Dauerniesen hab ich mir erfolgreich eingeredet, dass es eine Allergie ist, und die Reste der Viren mit Alkohol (innerliche Anwendung) abgetötet. Die nächste Erkältung darf erst ausbrechen, wenn der Dezember da ist 🙂

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