Pre-NaNo: Plotten befreit

In meiner Entwicklung als Autor wurde ich vom Discovery-Writer, auch Pantser genannt, zum Outliner. Und zwar hardcore Outliner, weil das die einzige Chance ist, wie ich ein Buch zu Ende bekomme.

In meiner Jugend lief es immer gleich ab: Ich hatte eine hübsche Idee und fing an zu schreibe. Ein Setting, ein Charakter, eine Szene tat sich vor meinen geistigen Auge auf, und schon ging es los. Wohin die Reise führte oder was gar am Ende des Weges stand, war egal.
Das ist zwar sehr nett, wenn man befreit schreiben möchte, führte aber dazu, dass ich die Königing der unvollendeten Projekte wurde. Ich brach sogar Kurzgeschichten ab, weil ich nicht wusste, wie es nach der ersten Szene weiterging.

Während meinen 20ern wurde meine Methode zielführender: Ich hatte den Anfang einer Geschichte, ich wusste, wie sie enden sollte, und dazwischen gab es ein paar Fixpunkte. Auf dieser Landkarte einer Story war noch kein Weg eingezeichnet, aber zumindest sah ich die Versorgungsstationen deutlich und konnte mich von einer bis zur nächsten durchschlagen.
Ich entwickelte ein grandioses Talent dafür, meine Charaktere in Situationen hineinzuschreiben, wo ich keine Ahnung hatte, wie ich sie wieder hinauskriegen sollte. Bevorzugt lebend, weil die Geschichte sonst ein vorzeitiges Ende gefunden hätte. Interessanterweise feuerten solche vertrackten Situationen meine Muse erst richtig an, und sie wartete mit äußerst kreativen und manchmal erschreckend banalen Lösungen auf, an die ich nicht gedacht hatte.

Jetzt, im „reifen“ Alter *hüstel*, schreibe ich nur mehr mit Methode, weil ich eingesehen habe, dass alles andere bei mir nur dazu führt, dass ich das Projekt irgendwann in die Ecke werfe und nie wieder anschaue. Ich brauche einen komplett durchdachten Plot, von A bis Z. Selbst ein paar Fixpunkte sind mir zu wenig, weil die Gefahr besteht, dass ich mittendrin draufkomme, dass ein schwerer logischer Fehler die Handlung behindert.
KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERASeitdem wird jedes Projekt gnadenlos durchgeplottet. Ich weiß, dass das für viele Pantser unvorstellbar ist und ihnen den Spaß am Schreiben nimmt. Bei mir ist es umgekehrt. Ich habe keinen Spaß, wenn ich nicht weiß, wo die Reise hingeht und wie der Weg dorthin im Detail aussieht. Was nicht bedeutet, dass ich jeden Stein auf dem Weg kenne. Wie ich die einzelnen Szenen schreibe, weiß ich erst, wenn ich mich hinsetze und anfange.

Wenn der Plot steht, bereits in Szenen aufgesplittet, dann erst lege ich los. Und dann beginnt auch der richtige Spaß, weil ich die Szenen, die ich mir vorher mehr oder weniger mühsam ausdachte, endlich schreiben darf.
Ich freue mich dann darauf, die Handlung zu erzählen, mich von den Dialogen überraschen zu lassen und tief in die Gedanken und Gefühle der Charaktere einzutauchen. Ich muss mir keine Sorgen mehr machen, wohin das ganze Geschwafel führen soll, weil ich für jede Szene ein klares Ziel vor Augen habe, ich habe keine Angst mehr, dass ein logischer Fehler das ganze Plot-Gerüst zum Einsturz bringt, ich bin nicht mehr verunsichert, ob der HC zu wenig Entwicklung durchmacht und ob das Finale aufregend genug ist.
Dieses Wissen, dass sämtliche Klippen im Vorfeld umschifft wurden, die Route klar und eindeutig eingezeichnet ist und die Segel gesetzt sind, lässt mich voller Vorfreude in See stechen.

Eine genaue Planung heißt auch nicht, dass ich davon nicht abweiche. Ich habe bei jedem Plot genug Spielraum, um spontane Ideen zu entwickeln, mal eine Abkürzung zu nehmen, wenn ich entdecke, dass ich eine Szene streichen kann, oder einen kleinen Umweg einschlage, wenn mir eine Szene einfällt, die unbedingt noch rein muss. Manche Subplots ergeben sich erst während des Schreibens, manchmal tauchen Themen auf, an die ich nicht gedacht hatte. Doch bei all den während des Schreibens entwickelten Einfällen bleibe ich auf dem vorgegebenen Weg, um mich nicht in der Geschichte zu verirren. Es ist mir zu oft passiert, und ich möchte keine Geschichte mehr aufgeben, weil ich nicht weiß, wohin sie führt.

Plotten befreit mich von Ängsten, Zweifeln und Unsicherheit.
Plotten ist Arbeit. Schreiben ist Vergnügen.

Jery

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Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
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7 Antworten zu Pre-NaNo: Plotten befreit

  1. udo75 schreibt:

    Und wenn es mal wirklich in eine Sackgasse geht, gibt es da immer noch den TB der hoffentlich einen pasablen Lösungsansatz dafür hat *g* (hüstelundschulterklopf)

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    • Jery Schober schreibt:

      Ich komme darauf zurück, wenn ich haareraufend am Rande des Abgrundes stehe und nicht weiß, mit welchem Fallschirm ich da heil runterkommen soll.
      Was mir auch sehr aus Sackgassen hilft, sind Muffins. Oder Brownies… Alles mit Schoko ist mir eine moralische Stütze *hint*

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  2. para68 schreibt:

    Nach Abschluss meines ersten Projekts wurde ich auch zum Hardcore Outliner, wie Du es nennst. Ich fand es einfach zu mühselig und zeitaufwendig, mitten im Schreibfluss darüber nachdenken zu müssen, wie es um Himmels willen nun weitergehen sollte, und, wenn ich die Lösung gefunden hatte, die vorhergehenden Kapitel überarbeiten zu müssen, weil nichts mehr richtig zueinander passte.
    Ich kann auch die Klagen nicht ganz nachvollziehen, dass das Schreiben keinen Spaß mehr macht, wenn man ohnehin weiß, was passieren wird. Zu irgendeinem Zeitpunkt, bevor man die Szene schreibt, weiß man das doch sowieso. Sonst würde die Folge von Ursache und Wirkung aufgehoben, was physikalisch nicht möglich ist (ich kann nicht erst schreiben und danach die Idee haben, was ich schreiben will). Spielt es also wirklich eine so immense Rolle, ob ich es ein paar Wochen oder eine Viertelstunde vorher weiß?
    Außerdem kann ich Dir nur zustimmen, wenn Du sagst, dass die Entwicklung des Manuskripts durch einen zuvor verfassten Plot nicht einbetoniert ist. Bei meinen beiden letzten Romanen hatte ich vor dem Schreiben einen recht genauen Plot verfasst, von dem ich aber bei Bedarf abgewichen bin, ohne mir darüber viele Gedanken zu machen. Der Vorteil war einfach, dass ich immer wusste, was INHALTLICH als nächstes kam. Wie ich das in Szenen und Dialoge verpackte, stand mir weiterhin absolut frei.
    So habe ich für mich persönlich das perfekte Gleichgewicht zwischen der für mich sehr wichtigen Vorausplanung und Freiheit beim Schreiben gefunden. Das Verfassen der letzten beiden Manuskripte fiel mir wesentlich leichter, was eindeutig für das System spricht. 🙂

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    • Jery Schober schreibt:

      Erklär mal einem Nicht-Autor, dass es absolut kein Widerspruch ist, dass mir erst ein detaillierter Plan die Freiheit zu schnellem, entspanntem und besserem Schreiben gibt 😉 Je länger ich schreibe, desto wichtiger ist mir ein komplettes Gerüst, damit ich, wie Du auch meinst, nicht mehr nachdenken muss, was inhaltlich als nächstes kommt, sondern mich ganz darauf konzentrieren kann, es bestmöglich zu erzählen. Zumal ich immer Spielraum habe, um spontane Ideen einzuflechten oder eine alternative Wendung, die sich erst während des Schreibens ergibt.
      Wobei ich nichts gegen Discovery-Writer habe. Solange es funktioniert, halte ich jedes System für gleichwertig. Bei mir funktioniert es eben nicht und führt nur zu Frust, wenn ich ohne Plan vorgehe. Deshalb sollte ich schnell meine Plotlöcher für das NaNo-Projekt stopfen, noch passt ein Sternzerstörer durch. Ich will die Löcher so klein kriegen, dass höchstens ein TIE-Fighter durchkommt 🙂

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  3. para68 schreibt:

    Ich habe auch nicht das Geringste gegen Discovery-Writer. Wenn jemand mit dieser Methode gut zurechtkommt und damit problemlos und ohne logische Fehler einen Roman verfassen kann, ziehe ich meinen Hut. Ich könnte es nicht, wenn ich bei Beginn des Schreibens nicht weiß, wie das Manuskript endet und was die „Knotenpunkte“ in der Mitte sind. Dann habe ich mindestens eine „sagging middle“ und schlimmstenfalls ein Skript voller Logikfehler. Also plotte ich vorher lieber. 🙂

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  4. chickinwhite schreibt:

    Oooops, Ich bin vielleicht ein bisschen spät zur Party, aber trotzdem noch ein oder zwei Gedanken vom „Newbie“:
    Durchzuplotten bis in die Szenen? Ich glaube nicht dass ich das kann. Aber grundsätzlich hab ich auch schon festgestellt dass ein stabiles Gerüst die Schreiberei enorm vereinfacht… und natürlich einen sehr willkommenen Freiraum auftut um sich auszutoben ohne gleich in Zweifel zu verfallen wie man das in den nächsten Szenen wieder ausbügelt…
    ich hab für mich einen Mittelweg gefunden, zumindest derzeit ein Weg auf dem ich gemütlich bummeln und meine Story selbst noch erforschen kann, ab und zu mal einen Abzweig nehmen kann ohne die Richtung aus den Augen zu verlieren, aber auch mal einen überhitzten Spurt einlegen kann. Dazu plotte ich ein paar Kapitel voraus und habe das Gerüst das mir Halt gibt..
    Bisher (und es ist noch keine allzugroße Erfahrung auf die ich da zurückblicke!) hat sich mein Erzählen dann doch immer wieder während des Schreibens neu ausgerichtet und sogar den Grundplot hier und da übern Haufen geschmissen… Irgendwann stimmte aber die grobe Richtung wieder und ich kam zu einem (fast) geplanten Ende.
    Ich glaube, jeder entwickelt da wirklich seinen eigenen Weg. Ich habe in den letzten Wochen 1000undeinen Ratschlag zum Schreiben in mich aufgesogen… Alle sind sie hilfreich und bringen mich einen Schritt weiter. Aber so verschieden wie wir alle sind, so unterschiedlich sind die Wege die zum Ziel führen.
    Und unter allen Wegen die es gibt, ist Deiner sicher goldrichtig! Solange er DIR Spaß bereitet und dir erlaubt DEINE Geschichte zu erzählen… 😉
    Ich frage mich nur:
    wie kannst du so genau vorausplotten… wenn deine Muse übermorgen mit was gänzlich Neuem um die Ecke schlendert????? ….. *grinst*
    (noch 25,5 Std. bis NaNo…Ich bin schon seeeehr gespannt…)
    Cheers, Mo

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    • Jery Schober schreibt:

      Solange es für dich funktioniert, nimm die Methode, mit der du die besten Ergebnisse erzielst. Wenn ein grobes Gerüst reicht und du den Rest „während des Spaziergangs“ erfindest, ist es wunderbar. Ich freue mich schon auf deine ersten Erfolgserlebnisse im NaNo 🙂

      Bei mir kommt beim Plotten der Kontrollfreak durch (der ich allerdings nur bin, was meine Geschichten angeht, deshalb stellte sich eine Co-Autorenschaft im Nachhinein auch als undurchführbare Idee heraus): Ich teile den gesamten Roman in Szenen ein, von Anfang bis Ende, die ich in Stichworten festhalte, und die sind mein Fahrplan. Einmal legte ich für das Finale eines Romans eine Zeitlinie an, mit verschiedenen Farben, um einen Überblick zu haben, welcher Charakter was zu welchem Zeitpunkt macht (8 Charakter, 5 Schauplätze). Verfolgungsjagden plane ich nur mehr mit einem Stadt- bzw. Gebäudeplan in der Hand, sonst komm ich (wieder einmal) mittendrin drauf, dass ich meine Charaktere in eine Sackgasse laufen lief (in dem Fall wörtlich zu verstehen).

      Ja, ja, erinnere mich nur daran, dass ich so gerne vorausplane und die Muse dann wieder mit einer irren Idee kommt… Mittlerweile klappt die Zusammenarbeit besser. Sie gibt mir eine neue Szene und sagt mir, wohin sie im Plot kommt, ich erlaube ihr dafür, wild mit Ideen um sich zu werfen und dutzende Projekte zu entwickeln, von denen ich nur einen Bruchteil schreiben kann, weil ich keine 500 Jahre als werde. Wo ist ein Jungbrunnen, wenn man einen braucht?

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