Das Rüstzeug eines Autors # 6 – Demut & Stolz

Nach diversen mehr oder weniger angreifbaren Dingen und Personen, die den Autor auf seinem Weg zur fertigen Geschichte begleiten, komme ich nun zu den diffusen Hilfen, die man auch unter dem schwammigen Begriff „charakterliche Voraussetzungen“ zusammenfassen könnte.
Während sich Hartnäckigkeit und Fleiß von selbst verstehen, möchte ich von zwei entgegengesetzten Wesenszügen reden, die eher selten bedacht werden: Demut und Stolz. Von beidem braucht ein Autor jede Menge.

Demut soll keine Bescheidenheit sein, sondern die Einsicht, dass es da draußen so vieles und so viele gibt, die besser sind. Bessere Autoren, bessere Geschichten, besserer Stil, bessere Wortwahl, bessere Anfänge und Enden… Es wird immer jemanden geben, der besser ist als ich. Der mehr Erfolg hat. Der bekannter ist, beliebter, mehr gelesen, mehr verkauft etc.
Es wird eine Menge Autoren geben, die ich für gleich gut halte und die dennoch erfolgreicher sind. Die einen Verlagsvertrag in der Tasche haben, während andere Autoren sich seit zwei Jahren bemühen, irgendeinen Kleinverlag für ihr viel besseres Manuskript zu interessieren. Es wird welche geben, die schlechter schreiben als ich, viel, viel schlechter, und die trotzdem vom Schreiben leben können.

Ich kann entweder an den Neidgefühlen ersticken, oder ich kann sie annehmen, überwinden und von diesen Autoren lernen. Von den guten und den schlechten. Was machen sie anders? Wo liegt ihr Vorteil? Was kommt bei Verlagen und Lesern an, was ich nicht in meinen Geschichten habe? Wie haben sie es geschafft, so erfolgreich zu werden? Welche Maßnahmen kann ich für mich selbst auch anwenden?
Es bringt nichts, sich darüber aufzuregen, wenn schlecht geschriebene Bücher zu Weltbestsellern werden (*hust* Fifty Shades of Grey *hust*). Der einzig produktive Weg, mit so etwas umzugehen, ist, daraus zu lernen. Natürlich nicht den schlechten Stil oder die Plotlöcher übernehmen, sondern analysieren, warum Bücher zum Erfolg werden, an denen ich nichts Gutes finden kann. Irgendetwas in ihnen spricht Leser an, viele Leser, und dieses Etwas kann ich ergründen. Irgendeinen Sinn müssen die Jahre der Literaturwissenschaft ja gehabt haben 😉

Demut treibt auch an. Egal, für wie gut ich meine Geschichte halte, sie könnte besser sein. Es gibt immer etwas zu verbessern, umzuschreiben, neu zu gestalten. Das ewige Los des Künstlers ist es, mit nichts restlos zufrieden zu sein. Wir streben nach Perfektion, die unerreichbar ist, weil es keine allgemeingültige Definition von Perfektion in der Literatur gibt. Der eigene Geschmack definiert unsere Vorlieben, und nur weil alle Welt einen Literaturnobelpreisträger für genial hält, muss ich diese Meinung nicht teilen.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA
Die Kehrseite von Demut ist Stolz.
Seid stolz auf eure Leistungen, auf die kleinen Erfolge, die ihr täglich erreicht, und erst recht auf die großen.
Freut euch über die Szene, die ihr gerade fertig geschrieben habt. Über das Ende des Kapitels, das euch gelungen ist. Über den Anfang eines neuen Romans, wenn die Kreativität frisch sprudelt. Feiert, wenn ein Verlag euer Manuskript anfordert. Lasst die Korken knallen, wenn ein Agent nach den ersten 10 Kapiteln meint, er hätte ein paar Änderungsvorschläge. Das heißt nur, dass er Potential sieht.
Stolz wird oft als negative Eigenschaft angesehen und gehört zu den 7 Todsünden. Doch ohne Stolz kann ein Autor nicht überleben. Zumindest nicht gut, weil er dann von Selbstzweifeln zerfressen wird.

Was ist falsch daran, eine meiner eigenen Geschichten gut zu finden? Immerhin schreibe ich das, was ich selbst lesen will, und wenn sie mir gefällt, dann habe ich dieses Ziel erreicht. Ob sie anderen auch zusagt, ist eine andere Frage. Doch wenn mir meine eigene Geschichte nicht gefällt, warum sollte sie dann überhaupt anderen gefallen? Wenn ich schon so unzufrieden bin, dass ich nicht einmal Teile eines Romans mag, warum überhaupt die Mühe?
Das fertige Werk MUSS mir gefallen, sonst habe ich nie den Mut, es jemand anderem zu zeigen. Wenn ich diesen Mut nicht habe, wird es nie den Weg zu einem Verlag finden. Und dann wird es keine Leser finden außer die aus meinem unmittelbaren Umfeld.

Von Kindheit an wird uns eingetrichtert, sei bescheiden. Doch Stolz hat nichts mit Angeberei zu tun. Stolz ist Freude über ein gelungenes Ergebnis, das ich durch harte Arbeit und manchmal ein wenig Glück erreicht habe. Ich muss nicht gleich der ganzen Welt mitteilen, dass ich das Ergebnis meiner Arbeit toll finde, weil das leicht in Prahlerei umkippen kann. Aber ich kann meinem Spiegelbild in die Augen schauen und sagen: Das hast du gut gemacht.

Autor zu sein heißt Eier zu haben. Egal welches Geschlecht man hat 😉
Ich brauche Stolz auf mein Werk, um den Mut zu haben, damit an die Öffentlichkeit zu treten und zu glauben, dass diese Geschichte es wert ist, die Zeit des Lesers in Anspruch zu nehmen.
Und ich brauche Demut um zu erkennen, was noch alles verbessert und verändert gehört, damit aus einer guten Geschichte einer hervorragende wird. Der Weg eines Schriftstellers ist mit der ersten Veröffentlichung nicht zu Ende. Er hat gerade erst angefangen.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA
Eine persönliche Bemerkung:
Als Mensch gab es für mich Augenblicke, wo sich Demut und Stolz in einem Augenblick vereinten. Als ich das oben gezeigte Bild machte, war ich von tiefer Demut erfüllt, dass ich an diesem Ort sein durfte, mitten in der afrikanischen Halbwüste. Ich war dankbar, dass wir den Weg auf diese Berge gewagt hatten, dass die Natur uns mit Prachtwetter verwöhnte und dass sie solch großartige Landschaften geschaffen hat.
Es war – bis heute – einer der bewegendsten Augenblicke in meinem Leben, als kurz vor Sonnenuntergang zwei Adler, Black Eagles, auftauchten, die uns auf der Suche nach Beute umkreisten, und auf gleicher Höhe an uns, die wir auf dem Gipfel eines kleinen Berges standen, vorbeiflogen. Ich fühlte mich klein, unbedeutend und doch als essentieller Teil dieser Welt.
Ich hatte weniger als eine Sekunde, um die Kamera auszurichten und auf den Adler zu fokussieren, ehe er abdriftete. Erst zu Hause kam der Stolz ins Spiel, als ich feststellte, dass ich es geschafft hatte, in dem Moment den Auslöser zu drücken, in dem der Adler direkt vor der Spitze des Berges war. Es ist eines meiner Lieblingsbilder, weil ich damit eine tiefe Dankbarkeit über die Großartigkeit der Natur und meine Existenz in ihr verbinde.

Als Autor arbeite ich darauf hin, dass ich irgendwann mit Demut und Stolz auf eines meiner Bücher schauen kann.

Seid stolz, seid demütig, seid mit Freude an der Arbeit.

Jery

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Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
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3 Antworten zu Das Rüstzeug eines Autors # 6 – Demut & Stolz

  1. para68 schreibt:

    Eure Adler-Bilder sind immer wieder eine Augenweide. Du hast ihnen hier zu Recht einen Platz eingeräumt.

    Deinem Beitrag kann ich voll und ganz zustimmen. Das bedeutet leider nicht, dass ich selbst mich immer an diese guten Ratschläge halte. Im Fall der „Demut“ bin ich, glaube ich, recht erfolgreich. Das liegt vor allem daran, dass ich sehr viel lese, mit Vorliebe Klassiker von Autoren wie Jane Austen, Oscar Wilde, J.R.R. Tolkien oder Edgar Allan Poe. Bei solchen Texten bleibt mir nichts anderes übrig, als „demütig“ zu werden. Wie kann jemand so umwerfend gut schreiben? Das ist fast einschüchternd.

    Aber davon lasse ich mich nicht entmutigen. Es macht mich nur realistischer und ehrgeiziger. Selbstverständlich werde ich nie so gut schreiben, wie die o.g. Autoren. Aber ich kann mich mit viel Übung, Fleiß, Durchhaltevermögen und der Bereitschaft, Ratschläge anzunehmen, ständig verbessern und mir selbst so die bestmöglichen Geschichten abringen. Das ist manchmal ungemein anstrengend, macht aber auch sehr viel Spaß. Außerdem schleicht sich dann ab und zu ein kleines bisschen Stolz um die Ecke, ein Gefühl, das ich mir sonst zu gerne untersage.

    Danke für den ermutigenden Beitrag! 🙂

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    • jery22 schreibt:

      Danke fürs Kompliment! Du kennst ja die große Version, die im Wohnzimmer hängt 🙂
      Ich würde noch mehr Stolz zulassen, Frust und Ärger gibt es im Leben genug 😉

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      • para68 schreibt:

        Ja, in der Größe ist es sogar noch beeindruckender.

        Es stimmt natürlich, dass es genug gibt, über das man sich im Leben ärgert. Da sollte man als Ausgleich mehr positive Gefühle wie unbändige Freude und berechtigten Stolz zulassen. Aber das fällt mir immer noch etwas schwer.

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