Revision # 4 – Nichts ist, wie es scheint

Man sollte meinen, dass ein Autor sein eigenes Werk einschätzen kann. Dass er weiß, was gut und was schlecht ist.
Wenn dem so wäre, dann hätten wir nur brillante Werke, weil alle Autoren die schlechten Passagen ausbessern und solange daran feilen würden, bis ihr Buch ausschließlich aus guten Passagen bestehen würde.

Ich stellte, vier Kapitel vor Schluss, gerade fest, dass die Teile, die ich für gut hielt, es nicht sind. Dafür ist bei den Teilen, die ich für schlecht hielt, erstaunlich viel Verwertbares dabei.
Ich kann Szenen behalten, von denen ich immer annahm, sie müssten rausgeworfen werden. Ich muss Szenen rauswerfen, die ich immer drin behalten wollte.
Was lerne ich nun daraus? (mal abgesehen davon, dass auch ein Manuskript ein Trugbild sein kann)

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA(München 2007)

1. Lösche niemals etwas aus einem Manuskript, ehe du eine komplette Rohfassung hast.
Du weißt nie, wofür es später gut ist. Oft sind unter dem schnell Hingekritzelten und den mühsam herausgepressten Entwürfen Perlen dabei.

2. Halte dich nicht für gut, weil das bist du nicht.
Schon gar nicht, wenn du es darauf anlegst und in der ersten Euphorie direkt nach dem Tippen meinst, dass diese Szene so bleiben kann, wie sie ist, weil sie so toll ist. Das sollte dich misstrauisch machen, weil die Szene gerade dann nicht so gut ist, wie sie hätte sein sollen.

3. Schreib etwas zu Ende, ehe du ein Urteil darüber fällst.
Erst wenn du eine vollständige Rohfassung hast, weißt du, ob alle Szenen rein müssen, die du dir eingebildet hast (Antwort: nein), wo sie rein müssen und was fehlt und neu geschrieben werden muss (Antwort: einiges).
Du stellst fest, dass Szenen, von denen du immer der Überzeugung warst, sie müssten raus, und die du nur geschrieben hast, weil es verdammten Spaß machte, den Magier von einer Klippe zu stoßen (sagte sie mit einem bösartigen Grinsen), Sinn ergeben und ein nettes foreshadowing sind.
Du findest heraus, dass ganze Sequenzen, von denen du meintest, der Leser braucht sie unbedingt zum Verständnis, komplett raus müssen, auch wenn dir dabei das Herz blutet. Ich habe 3 Übungssequenzen, wo es um 3 fingierte Einbrüche geht. 2 davon müssen fliegen, die 3. wackelt ebenfalls beträchtlich (*sniff* Dabei wurde dort ein knapp 2 m großer Mann von 45 kg geballter Frau in die Knie gezwungen – und da geht sie dahin, meine girlpower…)

4. Sieh ein, dass du ohne einen genauen Plot aufgeschmissen bist.
Ich gehöre eindeutig nicht zu den „Pantsern“ (vom Schreiben „by the seats of your pants“, also ohne genauen Plan). Das führte zu unzähligen Anfängen, die nie ein Ende fanden, weil ich nur diese eine Szene hatte, ohne dazugehörende Geschichte.
Wenn ich keinen exakt ausformulierten Plot habe, verzettle ich mich und nehme jede Idee, die der Muse gerade kommt, und schreibe drauf los, ohne zu wissen, wo mich dieser Weg hinführt. Wie sich herausstellte, in etliche Sackgassen. Die ein, zwei guten Abzweigungen, die sich als nützlich herausstellten, hätte ich auch so gefunden, ohne diese vielen unnötigen Pfade, die der Muse interessant erschienen.

Noch vier Kapitel, und ich habe das Durchlesen der Rohfassung von Echo 1 hinter mir. Dauerte noch länger als befürchtet 😦 Und danach fängt der „Spaß“ erst an.
Aber ich mache auch diesem Monster schon noch ein Buch, und wenn ich die Hälfte davon komplett neu schreiben muss. Ich liebe die Grundidee weiterhin, ich schätze meine Charaktere, ich mag die Welt, in der sie sich tummeln, und kampflos gebe ich meinen ersten Roman nicht auf. Was sollte ich dann mit der Fortsetzung machen, die bereits geschrieben ist? 😉

Ich wünsche euch weniger Arbeit bei euren eigenen Überarbeitungen. Immer daran denken – es ist harte Arbeit, aber irgendeiner muss es tun, und bei einem Buch ist der Autor nun mal am besten geeignet für diesen Job.
(Und ich kann euch gar nicht sagen, wie angenehm es ist, nach hunderttausenden Wörtern in Fantasy Ausdrücke wie „Job“ gebrauchen zu können, ohne zu überlegen, ob ich das in meiner Welt schreiben kann. Was „Job“ angeht, ist die Antwort nein.)

Jery

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Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
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11 Antworten zu Revision # 4 – Nichts ist, wie es scheint

  1. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Auch wenn mein Erstling gerade mal so lang zu sein scheint wie eins deiner Kapitel (ernsthaft, die allererste Urversion hatte vom Umfang her ca. 150 Normseiten *g*), kann ich alles bestätigen:
    – Szenen mussten fliegen, weil sie völliger Nonsens waren oder die Charakterentwicklung in eine seltsame Richtung rückten
    – Szenen mussten komplett neu erfunden werden
    Wobei Zweiteres öfter als Ersteres.
    Davon, dass etwas von 2008/2009 sprachlich unterste Schublade ist, will ich gar nicht erst reden.
    Viel Erfolg beim Bezwingen der restlichen vier Kapitel – und bei dem, was danach kommen wird.

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    • jery22 schreibt:

      Danke, ich kann jede Aufmunterung brauchen 🙂
      Ich bin ja einerseits beruhigt, dass es anscheinend den meisten so geht – gerade bei den ersten eigenen Geschichten ist man noch unsicher und kommt erst viel später drauf, was alles in eine gute Story muss und was NICHT. Andererseits frage ich mich schon, warum ich so maßlos übertreiben und gleich 3 Bücher in einen Roman packen musste.
      Vielleicht musste diese Lektion sein, damit ich lerne, mich bei allen weiteren Romanen von Vornherein kurz zu fassen, um nicht so viel kürzen zu müssen? Hm, Echo 2 ist „nur“ mehr 218k lang. Das ist ein Fortschritt zu Band 1, aber so ganz hat die Lektion noch nicht gegriffen…

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  2. para68 schreibt:

    Was zählt, ist das Endergebnis, und das ist offenbar ganz viel versprechend. Darauf, dass Du angesichts der Länge des Manuskripts sehr viel kürzen musst, warst Du bereits vorbereitet. Welche Szenen es letztliche trifft, ist dabei eigentlich gleichgültig, so lange es einen erklecklichen Anteil an Passagen gibt, die nur einer geringen Überarbeitung bedürfen und bleiben können.

    Außerdem ist es für zukünftige Projekte gut, wenn Du thematisch ähnliche Szenen aus dem Manuskript streichst, wie z.B. das Training durch fingierte Einbrüche. Daraus lässt sich später vielleicht ein eigenes Manuskript erstellen.

    Also weiter durchhalten. Ich bin fest davon überzeugt, dass aus Deinem Erstling ein guter Roman werden wird.

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    • jery22 schreibt:

      Ich habe heute solange durchgehalten, bis ich fertig war, und jetzt muss ich erst mal verdauen, was ich da fabriziert habe. Das einzige, was definitiv so bleiben kann und Sinn ergibt, ist die letzte Szene. Alles andere ist zum Abschuss freigegeben bzw. wird von mir mit der Axt bearbeitet. Bin grad dabei eine Liste zu machen, wo draufsteht, was alles nicht funktioniert. Und das ist eine laaange Liste… Aber he, ein wenig gesunder Masochismus ist hilfreich, wenn man Autor sein will 😉

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      • para68 schreibt:

        Erst einmal Glückwunsch zum kompletten ersten Durchgang! Das will bei so einem langen Manuskript schon was heißen.
        Jetzt weißt Du zumindest, was gekürzt und / oder bearbeitet werden muss und was mit kleinen Veränderungen bleiben darf. Damit bist Du einen riesigen Schritt vorangekommen. Ich denke, je weiter Du mit der Überarbeitung kommst und der von Dir erwünschte Roman zutage tritt, desto mehr Freude und Motivation wird sich einstellen. Halte nur weiter durch! 🙂

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        • jery22 schreibt:

          Das trifft’s: Der von mir erwünschte Roman wird irgendwann zutage treten. Ich weiß, er ist irgendwo in dem Wulst an Szenen drin, ich weiß, dass die fehlenden Szenen irgendwo in meinem Unterbewusstsein rumspuken. Jetzt muss ich sie nur noch finden, freilegen, das Unnötige küruen, alles in die richtige Reihenfolge bringen und dann, so in 10 Jahren, ist das Buch endlich das Buch, das ist ich immer haben wollte 😉

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  3. Carmilla DeWinter schreibt:

    Tschakka, du schaffst es. Viel Glück.
    Ich bin so eine Halb-Pantserin: Ich weiß, wohin ich will, wo ich dazwischen hinmuss, und worum es geht. Details bleiben der Muse überlassen.
    Üblicherweise werden meine Texte bei Überarbeitung länger, weil ich in den Rohfassungen oft einen Drehbuch-Stil hinlege, also den Dialog beim runterhacken zu selten durch sensorische Details, Gedanken etc. ergänze – das „talking head“-Phänomen. Und immer fehlen Szenen.
    Zu Tipp 1: für so was hab ich eine „Rauswürfe“-Datei. Meistens gammeln die dann dort und werden nicht wieder verwendet.

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    • jery22 schreibt:

      Bei mir heißt das „Recycling Ablage“, wo alles landet, was noch irgendwie verwertbar sein könnte. Ob es das auch ist, ist eine andere Frage… 😉
      Diese drehbuchartigen Rohfassungen habe ich auch oft bei Szenen. Die ersten 3 Absätze reiße ich mich noch zusammen und geb die Beschreibungen dazu, dann komme ich in Fahrt und hacke nur mehr die blanken Dialoge rein. Beim 2. Durchgang ergänze ich, was die Leute grade neben Reden tun, und im 3. kümmere ich mich um Details der Umgebung und die innere Wahrnehmung. Whatever works… Hauptsache, die 1. Fassung kommt möglichst schnell raus. Zu viel Nachdenken schadet mir oft mehr als es nützt, v.a. was Dialoge angeht. Die wirken dann nur gestelzt und nicht spontan.

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    • para68 schreibt:

      Na, die 10 Jahre können doch nur ironisch gemeint sein. Ich rechne mit höchsten 9,5 Jahren. 🙂 🙂

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      • jery22 schreibt:

        Ever the optimist… 😉 Wenn ich ehrlich bin, glaube ich wirklich, ernsthaft und ehrlich, dass ich es in unter 5 schaffen muss. Sonst bin ich reif für die Klapse. Und dort werde ich keinen Internetzugang haben! THE HORROR!!!

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