Perfektion in der Kunst – Reflexionen nach einem Wien-Besuch

Von Montag bis Mittwoch war ich auf einen Kurzbesuch in Wien. Wie immer anstrengend und schön. Highlight war, oh Wunder, nicht ein swingender Mr. Williams (obwohl der auch grandios war), sondern ein Besuch in der Albertina.
Dort stand mich mit Ehrfurcht vor einigen Bildern Albrecht Dürers, meines persönlichen Zeichengottes, und war wirklich und ehrlich ergriffen, einmal den „Blaurackenflügel“ in echt zu sehen.

wing-of-a-blue-roller-1512(Quelle: WikiPaintings „Blaurackenflügel“)

500 Jahre alt, sieht aus wie gestern gemalt, und ist so verdammt gut, dass ich nicht fassen kann, wie jemand so brilliant mit einer Feder umgehen konnte.

Der weltberühmte Hase war natürlich auch wunderbar, die „Betenden Hände“ sind nicht umsonst eines der am meisten reproduzierten Bilder der Welt, und vor den Originalzeichnungen von Da Vinci, Michelangelo und Rembrandt hätte ich mich am liebsten hingekniet, aber der Flügel… Ich wusste nicht mal, dass ich ein Art-Nerd bin, muss aber so sein, wie sonst soll ich mir erklären, dass ich dort in dem dunklen Raum inmitten von dutzenden Menschen Tränen in den Augen hatte aufgrund dieses einen, noch dazu eher kleinen Bildes.
Das ist Perfektion, die die Zeit überdauert.

Um die Kurve zum Schreiben zu kriegen, und damit dieser Blogeintrag nicht unter „Off Topic“ laufen muss: Perfektion in der Kunst ist möglich, liegt aber immer im Auge des Betrachters.
Ich sah in der Albertina Menschen vor einem Picasso-Gemälde stehen, mit jenem entrückten Gesichtsausdruck, den ich vor Dürers Zeichnungen hatte, während mich Picasso völlig kalt lässt.

Perfektion beim Schreiben ist noch mehr eine Frage des Lesers und damit Geschmacks.
Ob ich jemals ein perfektes Buch schreiben werde? Nein. Selbst wenn irgendwann einmal, eines fernen, fernen Tages, ein einzelner Leser sagen sollte, dass mein Buch „perfekt“ war, dann ist das auch nur eine Momentaufnahme und kann in einer Woche schon ganz anders ausschauen, wenn dieser Leser eine andere Gemütsverfassung hat. Und das nächste Buch gelesen hat, das viel besser als meines ist.
Viele andere Leser werden von vornherein eine ganz andere Meinung haben und das Buch furchtbar finden.
Ich selbst werde nie 100%ig damit zufrieden sein.
Es gibt kein Bild von mir, egal ob in Öl, Aquarell oder Bleistift, das ich nicht verbessern möchte. Wird es nie geben, weil mir immer ein Detail auffällt, das besser sein könnte. Das Gleiche gilt für alles, was ich geschrieben habe oder schreiben werde.

Nichts von mir ist perfekt. Nichts wird je perfekt sein. Irgendwann werde ich einmal soweit sein, dass ich sage, „gut“ ist jetzt gut genug, und ich lasse mein Buch auf die Öffentlichkeit los.

Bis dahin strebe ich nach Perfektion, in dem Wissen, sie nie zu erreichen. Ob ich sie erreiche oder nicht, ist auch zweitrangig. Wichtig ist allein, sie jeden Tag anzustreben und mein ganzes Herz ins Schreiben fließen zu lassen, in der Hoffnung, dass mein Können sich soweit verbessert, dass irgendwann der Moment kommt, wo ich damit so zufrieden bin, wie ein niemals zufriedener Künstler es sein kann: einigermaßen.

Ich hoffe, dass ich diesen Moment auch erkenne und mein Buch nicht zu Tode überarbeite, was die Kehrseite des Strebens nach dem bestmöglichen Ergebnis ist. Wenn es so gut ist, wie ich es zu der Zeit hinbekomme, dann wird es auch die Reise zu meinen geschätzten Betalesern antreten, damit sie es auseinandernehmen und mir sagen, wie es noch besser werden könnte.

Strebt nach eurem bestmöglichen Buch, vergesst dabei aber nicht, dass dieses Streben irgendwann ein Ende haben muss –

Jery

Advertisements

Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
Dieser Beitrag wurde unter Schreiben abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Perfektion in der Kunst – Reflexionen nach einem Wien-Besuch

  1. udo75 schreibt:

    Perfektion – das einzige, was wir zwar erstreben, jedoch nie wirklich erreichen wollen (sollten)…
    © Isabella Bogdanovic

    Perfektionismus muss man(n)/frau gar nicht erreichen, streben danach jedoch ist gut. Wäre die Natur perfekt würde es uns Menschen gar nicht geben.

    Gefällt mir

  2. Carmilla DeWinter schreibt:

    Der Flügel ist wirklich schön. Hach. Ich bin da auch eher entrückt als vor Picasso.
    Wie du schon sagst: Perfektion in der Kunst ist auch Geschmackssache. Und dann ist da noch die Sache mit dem Arbeitsaufwand: angeblich sind achtzig Prozent der Qualität mit zwanzig Prozent des Aufwandes zu schaffen, während die restlichen achtzig Prozent Aufwand für die letzten zwanzig Prozent Qualität draufgehen. Mein gefühltes Verhältnis vom Erstversion runterhacken bis auf Hochglanz polieren: kommt etwa hin. Und selbst bei hundert Prozent Aufwand wird’s noch jemand blöd finden.

    Gefällt mir

    • jery22 schreibt:

      *lach* Wie wahr. Man kann es nie allen recht machen. Damit muss man als Autor leben. Und was die Arbeit angeht – ich fürchte, diese 80/20 Einteilung kommt wirklich hin. Aber he, als Autor ist man harte Arbeit gewohnt und weiß nichts mit seiner Freizeit anzufangen, wenn man nichts zu schreiben und zu verbessern hat 😉

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s