Strange Beasts, these Muses…

Ich weiß schon lange, dass meine Muse einen Knall hat. Man lernt, damit zu leben.
Ich weiß auch, dass sie es liebt, mich über die genauen Zusammenhänge von Szenen und Situationen im Unklaren zu lassen. Ich bin es langsam gewohnt, dass ich Szenen schreibe, von denen ich keine Ahnung habe, wo sie in der Geschichte hin sollen oder was ihr tieferer Sinn ist, abgesehen von „die Muse will das jetzt schreiben“.

Ich verfasste eine Szene, einfach aus Spaß am Schreiben, wo mein HC einen NC beinahe absticht, und erfuhr 6 Monate später, dass sie doch perfekt zum Plot passte.
Ich gab der Muse nach und schrieb ein ganzes Kapitel, wo mein HC vergiftet wird, wo ich selbst bis zum Ende des Buches glaubte, es würde niemals in dieses Buch passen, ganz einfach, weil dieser Plotstrang ins Nichts führt und keine Rolle spielt. 3 Monate später, kurz vor Beendigung des Romans, behielt die Muse recht, und das Kapitel passt doch perfekt, weil die Vergiftung auf einmal erschreckenden Sinn machte.
Es wäre so viel einfacher, wenn die Muse mir gleich sagen könnte, dass sie einen Plan verfolgt. Dass ihre irren Ideen einen Zweck verfolgen und dieser nicht darin besteht, mich in den Wahnsinn zu treiben.

Es gibt ja die Behauptung, dass unser Unterbewusstsein, also die Muse, längst weiß, wie der fertige Roman ausschaut, nur wir Autoren wissen es noch nicht und erfahren es erst durchs Aufschreiben. Für gewöhnlich bin ich kein Anhänger dieser Theorie, aber es gibt Tage, da gerät diese Anschauung gehörig ins Schwanken.

Jüngstes Beispiel: Ich dachte an eine Geschichte, die ich gelesen hatte, in der das Wort Büstenhalter vorkommt, ein Wort, das ich nicht mag. Ich überlegte, warum ich das Wort nicht mag – weil ich dann an eine Marmorbüste denken muss, was für mich nichts Sinnliches ist.
Als nächstes denke ich an eine Büste, die am Anfang meines ersten Romans vorkommt. Sie wird vom Antagonisten zerstört. Ich hatte keine Ahnung warum. Ich dachte, es hat damit zu tun, dass der Antagonist kein Kunstverständnis hat und Platz im Wohnzimmer schaffen will. JETZT, über 2 Jahre nach dem Schreiben dieser Szene, erklärt mir die Muse netterweise, warum diese Büste dran glauben muss – weil ihre Augen Edelsteine sind und wir diese Saphire brauchen. Und für diese Antwort braucht sie 2 verdammte Jahre???

Manchmal möchte ich meine Muse umbringen. Was sich bei einem körperlosen Wesen schwierig gestaltet.
Ist es zuviel verlangt, dass sie mir wenigstens innerhalb von 3 Monaten Bescheid gibt, warum ich manche Szenen schreibe? Plotte ich im Unterbewusstsein alle Romane durch, bevor ich zu schreiben anfange? Oder brauche ich einfach eine Ewigkeit, um Zusammenhänge zu erkennen?

Sagt mir, dass ich nicht allein bin.
Sagt mir, dass nicht nur meine Muse einen Knall hat.
Bitte.

J

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Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
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15 Antworten zu Strange Beasts, these Muses…

  1. Carmilla DeWinter schreibt:

    Da ich linear schreibe, kenne ich das Problem so nicht. Üblicherweise habe ich eine Idee, was der Anfang ist, wer die Figuren sind und wohin ich nachher will. Dann schreibe ich ein paar Szenen, um zu schauen, ob der Tonfall passt, und dann gibt’s Recherche, auf die dann der grobe Plot gründet. Zeug wie die Edelsteine und die Vergiftung wären also bei mir wahrscheinlich drin. Die Details ergeben sich dann meistens, manche Zusammenhänge werden mir aber auch erst später klar, und das sind dann diese Facepalm-Momente, wo ich denke, hättest ja auch schon vorher drauf kommen können. Mein Unbewusstes zickt also etwas anders als deines, hat aber offensichtlich auch mehr Vorstellungen vom fertigen Text als ich.

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    • jery22 schreibt:

      Ich glaub manchmal, ich bin einfach zu dämlich, um die Hinweise zu erkennen, die ich mir selbst gebe. Wald vor lauter Bäumen und so. Oder ich hab ein Kommunikationsproblem zwischen rechter und linker Gehirnhälfte. Oder ich überrasche mich einfach selbst gerne. Oder, und das ist meine momentane Lieblingserklärung, ich will mir selbst nicht das Schreiben verderben, indem ich schon jede Antwort und jeden Zusammenhang kenne, und versperre so einige wichtige Details in einem Schrank der Muse, damit ich später mit Spannung auf die Enthüllung warten kann.
      Facepalm-Momente hatte ich auch schon genug, gefolgt von Kopf-auf-Tastatur-Faller 🙂 Zum Glück sieht keiner die Grimassen, die ich beim Schreiben schneide.

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      • Carmilla DeWinter schreibt:

        Hmm. Ich freue mich eigentlich auch über die Überraschungen. Dieses Gefühl, dass alle Fäden zusammenlaufen und auf einmal ein Teppich sichtbar wird.

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        • jery22 schreibt:

          Das Bild mit dem Teppich gefällt mir. So habe ich ein Buch noch nie betrachtet. Vielleicht, weil ich selten das Gefühl habe, dass der Teppich fertig ist, sondern dass ich andauernd lose Fäden entdecke.

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          • Carmilla DeWinter schreibt:

            Ging mir auch eine Weile so. Dann habe ich angefangen, ab und an Fanfiction zu posten (auf Englisch), und das Zeug bei ff.net zu verbessern ist eine Plackerei, vor allem bei 30’000 plus Wörtern und mehreren Kapiteln. Also steht’s da nun, inklusive Rechtschreibfehlern und Germanismen. Irgendwann muss gut sein mir der Rumfeilerei.

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          • jery22 schreibt:

            Gute Einstellung. Wenn man sich nicht irgendwann von seinem Werk trennt, wird man es nie zu einer Veröffentlichung bringen. Spätestens, wenn man anfängt, die verbesserten Ausdrücke wieder in ihre Ursprungsform umzuschreiben, ist es Zeit, die Geschichte auf die Öffentlichkeit loszulassen.

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          • Carmilla DeWinter schreibt:

            Um Holly Lisle und ihre Internetseite zu paraphrasieren, die Definition einer Romanautorin ist nicht: Überarbeite einen Roman. Sondern: Schreibe einen Roman. Und dann noch einen. Und noch einen …

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          • jery22 schreibt:

            *lach* Ja, da hat sie vollkommen recht. Ihr verdanke ich auch ein brauchbares System zum Überarbeiten, das verhindert, dass ich den Verstand verliere 😉 „How To Revise Your Novel“ kann ich nur empfehlen.

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          • Carmilla DeWinter schreibt:

            Hätt ich jetzt auch empfohlen. Bin zwar immer noch unorganisierter, als ich gern wäre, aber immerhin besser als vorher.

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  2. Texthase Online schreibt:

    Ich habe auch häufiger plötzliche Einfälle, die zunächst den Eindruck machen, dass es Ausfälle sind, da ich sie zunächst nicht zuordnen kann. Manchmal bin ich einfach nur gespannt, wozu sie letztlich gut sind. Manchmal ist es aber auch so, dass ich mich ärgere. Das wird aber seltener. Seit dem ich weiß, dass sich irgendwann ein Platz für diese Szenen findet und ich nicht mehr ungeduldig bin, stören sie mich weniger. Und ich habe auch das Gefühl, schneller zu erfahren, was das dann soll! Ungeduld übertönt die innere Stimme, was sicher auch etwas mit diesem zeitweilig doch sehr lästigen Phänomen zu tun hat.

    Liebe Grüße

    Christiane (Texthase Online)

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    • jery22 schreibt:

      Ich werde mich bemühen, geduldig darauf zu warten, dass mir die Muse ihre Pläne mitteilt, was leichter wäre, wenn ich mir nicht ab und zu einfach veräppelt vorkommen würde. Als würden alle um mich herum über die Pointe lachen, während ich den Witz nicht verstehe. Na ja, ich und mein Unterbewusstsein werden uns schon zusammenraufen und eine bessere Zusammenarbeit entwickeln. Ohne mich kommt die Muse auch nicht weiter, weil sie mich zum Tippen braucht 🙂

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  3. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Ich schreibe einen meiner Romane ausschließlich so, dass ich eine Szene dann schreibe, wenn sie mir in den Sinn kommt und meine Stimmung die richtige für diese Art von Szene ist. Erst wenn ich die Szene dann in mein komplexes Netz aus Daten und mehreren Perspektiven einfüge, sehe ich, wie hervorragend sie reinpasst…
    Und manche Szenen schreibe ich und gebe den Vermerk „noch zu datieren“ dazu. Wenn ich dann meine Szenenübersicht ein halbes Jahr später durchgehe, finde ich oft, wo genau diese Szene perfekt reinpasst.
    Ich weiß also genau, wovon du sprichst 🙂

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    • jery22 schreibt:

      Es beruhigt mich, dass andere auch Szenen schreiben, von denen sie beim Schreiben noch nicht wissen, wo sie hingehören. Ich habe auch absolut nichts dagegen, wenn sich der zeitliche Rahmen in Grenzen hielte – 2 Jahre danach fand ich doch ein wenig übertrieben. Entweder teilt mir die Muse die Zusammenhänge früher mit, oder ich werde schneller beim Fertigstellen eines Projekts und zwinge sie damit, mit der ganzen Wahrheit herauszurücken oder zu riskieren, dass die Szene rausfliegt, weil sie für mich keinen Sinn im Plot hat. So oder so, ich krieg das Biest schon noch gezähmt *sagte sie und hörte die Muse im Hintergrund lachen*

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      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Ach, zwei Jahre gehen noch. Ich habe mal eine Szene einfach so – in französischer Sprache, im Unterricht, im Jahre 2006/2007 (oder sogar früher? Ich war in der zehnten Klasse… verdammt, es war eher 2005/2006) – geschrieben.
        JETZT passt sie perfekt in ein Romanprojekt, das ich 2009/2010 während meiner Studienzeit überhaupt erst angefangen habe.
        Von daher… bist du mit zwei Jahren noch gut bedient 😛

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