Das Rüstzeug eines Autors # 4 – Menschliche Helfer

Wie die wenigsten Autoren schreibe auch ich nicht in einem Vakuum, in dem nur ich und meine Gedanken zählen. Ich entscheide, wo die Geschichte anfängt, wo sie endet und wie der Weg dazwischen aussieht, aber ich bin nicht allein auf diesem Weg.

Es kostete mich anfangs viel Überwindung, meine Ideen jemandem mitzuteilen. Jahre, ja Jahrzehnte, schrieb ich allein in meinem Kämmerlein und zeigte, wenn überhaupt, nur Geschichten her, die fertig waren. Was dazu führte, dass ich verdammt wenig herzeigte. Da lag zum einen an der wenig ermutigenden Reaktion meiner Umwelt (wobei ein stummes Kopfschütteln allemal besser war als ausgelacht zu werden – das war eine Demütigung, die ich bis heute nicht vergessen habe), zum anderen an dem chronischen Gefühl, dass nichts, was ich schreibe, perfekt ist. An diesem Gefühl hat sich wenig geändert, aber ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass gut oft gut genug ist. Es muss nicht immer perfekt sein, sonst wird nie etwas fertig.

Mit der Erfahrung wuchs auch die Anzahl derer, denen ich meine Geschichten freiwillig oder zumindest auf sanften Nachdruck zeigte („Das neue Kapitel gegen 6 Muffins?“). Und damit wuchs auch die Anzahl meiner Helfer.
Jeder meiner drei Stammbetaleser hat Wissen auf einem Gebiet, das mein eigenes Wissen ergänzt, und das wirkte sich bis jetzt positiv auf die Geschichten aus. Einer hat viel in meinem bevorzugten Genre gelesen und kann mir sagen, welche Ideen abgedroschen sind und was gut ankommt. Die andere kennt sich mit Literatur im Allgemeinen gut aus und hilft mir, über den Tellerrand zu schauen und mich mit Ideen aus anderen Genres zu versorgen. Der dritte ist mein Go-to-Guy für alles aus dem Technikbereich und ein gnadenloser Finder von logischen Fehlern.
Wie ihr hier herauslesen könnt, ist keiner von ihnen angestellt, um meinen Stil und meine Sprache zu verbessern. Da ist meine letzte Sorge, um die ich mich kümmere, wenn der Plot in all seinen Details felsenfest steht und abgesegnet wurde und die harte Arbeit der Revision in die Endphase geht.

Ich habe das große Glück, unter einem Dach mit einer Technik-Koryphäe zu leben. Keine technische Frage, die er nicht beantworten könnte, und das Beste: Ich krieg zu allem eine Zeichnung, damit auch Uneingeweihte (man könnte auch sagen, Dummies) wie ich verstehen, wie ein Türschloss von innen funktioniert, wie ein Abwassersystem aufgebaut ist und aus welchen Ebenen ein Bergwerk besteht.
Es ist ungemein praktisch, wenn ich mittem im Schreiben keine Lust habe, die Durchschlagskraft eines Armbrustbolzen herauszufinden, weil ich genau weiß, dass ich dann zwei Stunden lang mit Begeisterung Armbrüste google und meine Waffenlexika durchforste (ja, Plural, ich habe etliche davon). Einmal quer durchs Haus gebrüllt, und 5 Minuten später kommt die Antwort, meistens genauer, als ich sie haben wollte („Fünf Meter Abstand sind tödlich?“ – „Bei der Armbrust, ja. Mach die Entfernung größer, die Armbrust kleiner und den Bolzen stumpf, und der Typ überlebt. Vielleicht.“ – „Ooo-kay… schlecht für den Charakter. Der soll noch nicht sterben.“).
Ich frage nach dem Standardaufbau einer Therme, zwei Tage später bekomme ich Grundriss und Aufbauten einer kompletten Thermenlandschaft (ich will dort Urlaub machen!). Ich habe einen kompletten Plan einer Burg inkl. Ansichten, in dem sogar WCs berücksichtigt wurden, und das war so was von hilfreich beim Schreiben einer Verfolgung durch besagte Burg. Ich wurde mit Minenplänen versorgt, habe mittlerweile 3 Stadtpläne und ein paar allgemeine Landkarten.
Falls jemand von euch einen technischen Zeichner, Konstrukteur oder Architekten kennt: Festhalten! Die sind jede Bestechung der Welt wert.
Mir helfen Karten und Pläne aller Art enorm weiter beim Plotten, weil ich mir die Dinge dann besser vorstellen kann und weil sich oft genug ganze Szenen aus winzigen Details auf einem Plan ergeben (irgendwann wird mein technischer Berater verstehen, warum bei einem Raum namens Refugium bei meiner Muse eine Feuerwerk an Ideen, würdig der Milleniumsfeier, losging).

Neben der technischen Hilfe, die mir das Schreiben an sich erleichtert, weil ich anderen die Aufgabe übertrage, sich über die Höhe von Stadtmauern Gedanken zu machen, gibt es noch die emotinonalen Helfer. Sie trösten mich bei einer Schreibkrise (nach der Schreibkrise ist vor der Schreibkrise), senden mir mitleidige Blicke, wenn die Charaktere rumzicken (auch wenn sie keine Ahnung haben, wie Fragmente meiner Imagination ein solches Eigenleben entwickeln können, dass ich als ihr Schöpfer sie nicht mehr bändigen kann) und freuen sich mit mir über Durchbrüche, von denen sie noch weniger verstehen, warum das so ein Meilenstein für mich ist („Und es ist wirklich gut, dass heute vier Leute in der Geschichte gestorben sind?“).
Auch sie möchte ich nicht missen, und noch weniger ihre kulinarischen Zuwendungen (an dieser Stelle sei nochmals darauf hingewiesen, dass dieser Autor mit Muffins bestechlich ist).

Lasst euch helfen, wann immer es geht. Es kommt eurer Geschichte zugute, wenn ihr mehr Zeit mit Schreiben und Überarbeiten und weniger mit Recherche verbringen könnt, weil ihr Freunde habt, die das für euch erledigen.
Die Danksagungen in Büchern wollen schließlich mit etwas gefüllt werden.

J

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Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
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10 Antworten zu Das Rüstzeug eines Autors # 4 – Menschliche Helfer

  1. udo75 schreibt:

    Ja ich hab den Hinweis verstanden, dafür war nicht allzu viel „Subtextverstehen“ notwendig ….
    und ein bisschen geschmeichelt fühle ich mich auch, obwohl das Wort Koryphäe doch etwas übertrieben ist *g*

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    • jery22 schreibt:

      Ehre wem Ehre gebührt. Oder ist dir lieber, wenn ich in der Danksagung schreibe „Die Autorin bemühte sich, alle technischen Aspekte nach bestem Wissen zu schildern. Für alle Fehler ist allein der technische Berater verantwortlich.“? Wer sonst kann mir ohne Google erklären, wie Blechschindeln auf einem Dach angebracht sind, wie ich am schnellsten durch einen wasserführenden Gang mit einem Meter Deckenhöhe komme und aus wie viel Mann ein Kavalleriezug besteht? Du hast ein Steuerungssystem für einen Ballon erfunden, ohne das der gesamte Plot nicht funktioniert hätte. Und das Beste: Du hast aufgegeben, nach dem Grund zu fragen, warum ich das jetzt alles wissen muss 😉
      Dafür verschone ich dich auch mit Fragen zu Charakterentwicklung, Szenenaufbau und dem Point of No Return. Das darf sich Jana anhören 🙂

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  2. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Wow, du hast echt tolle Helfer! Jemanden, der für mich die Pläne für irgendwas zeichnet, hätte ich auch sehr, sehr gern – denn wenn ich versuche, ein Gebäude auf dem Papier zu entwerfen, kommt nur Quatsch raus -.- ich kann das einfach nicht…. Und somit ist alles, was wesentlich die Größe einer Dreiraumwohnung übersteigt, für mich nur eine diffuse Anordnung an Räumen, dabei habe ich so gerne genaue und präzise Pläne für alles und jeden!

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    • jery22 schreibt:

      He, Dreiraumwohnung ist eh schon super! Ich krieg grad mal einen Carport hin 😉
      Mir helfen Pläne irrsinnig beim Schreiben, was ich vorher nie glaubte, bis ich die Pläne sah und die Ideen aus mir rausploppten wie Mais in einer heißen Pfanne. Jedes Mal sagte ich, nee, ich brauch keinen Plan von Burg/Mine/Therme/Villa/Palast/Stadt/Gebäude meiner Wahl, bekam trotzdem einen, weil mein Mann gerne Pläne zeichnet, wo er sich ausnahmsweise nicht um die Kosten scheren muss, und war dann froh darüber, weil sich daraus neue Szenen entwickelten.
      Es hat mich aber auch verwöhnt, weil ich mir diesen Service in Zukunft für alle Projekte erwarte *lieb schau in Richtung Zeichner*
      Schau doch mal, ob Du auf der Uni nicht einen Architekturstudenten mit einem Faible für Fantasy oder einen technischen Zeichner mit Begeisterung für alte Bestandspläne findest. Oder frag mal im Freundeskreis rum, ob nicht einer AutoCAD kann…

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      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Puh… *keinen nennenswerten Freundeskreis besitzt, den sie fragen könnte*
        Umschauen ist immer gut – und falls alle Stricke reißen, muss ich mich eben in noch ein Fachgebiet einlernen. Es ist ja nicht so, als hätte ich mich für meine Schreibprojekte nicht schon zur Expertin in allen möglichen Belangen gemacht.
        Bisher:
        – Westerndörfer und Goldgräberstädte
        – Schießwaffen zwischen 1700 und heute
        – Alarmanlagen und Codes
        – Verschlüsselungen und Geheimsprachen
        – das Erfinden von Wortschatz und Grammatik
        (und ein paar weitere Fachgebiete, die ich mir noch nicht sooo weit erschlossen habe, dass ich mich auskennen würde ^^)

        Notfalls kann da gerne noch Innenarchitektur dazukommen, falls ich keine Helfer finde :).

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        • jery22 schreibt:

          Ist es nicht wunderbar, bei wie vielen Dingen sich ein Autor auskennt? Selten bei denen, die im täglichen Leben von Nutzen sein könnten, aber wenn jemand Infos über Dachaufbauten des 17. Jahrhunderts, russischen Pferdeschmuck oder Stofffärberei im Mittelalter braucht, dann fragt einen Fantasyautor. Mir macht solche Recherche leider immer viel zu viel Spaß, weil ich mich tagelang festlesen kann, wo ich doch besser den Plot vorantreiben sollte.
          Das mit dem Sprachen erfinden habe ich aufgegeben – früher war ich da sehr akkurat und gab mir mit Grammatik und Vokabeln Mühe (einmal Linguist, immer Linguist). Heute erfinde ich die Begriffe, die ich brauche, mitten im Schreiben, weil es mich zulange aufhält, mir dazu mehr auszudenken. Obwohl es wirklich Spaß macht, eine Sprache zu erschaffen…
          Wenn ich eine Verschlüsselung brauche, werde ich mich vertrauensvoll an dich wenden, um meine Recherche abzukürzen 😉

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          • Evanesca Feuerblut schreibt:

            DAS kenne ich – ich habe schon mal drei Tage gebraucht, um zu recherchieren, wie ein normales Stadthaus im maurischen Spanien aufgebaut war, wie die Gärten dort sind und wie die Raumaufteilung, statt mit dem Roman weiterzukommen……

            Ich erfinde nach wie vor sehr gerne Sprachen. Mehrere sind in Arbeit, einige aber nur rudimentär, andere wirklich recht vollständig. Ich habe ganze Verbtabellen rumliegen…

            Kein Problem :).

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  3. Pingback: Das Rüstzeug eines Autor # 5 – Tierische Helfer | Marmor und Ton – Schreiben mit MUT

  4. chickinwhite schreibt:

    Wow! Du hast ein beachtliches Repertoire an Helferlein – und der „anonyme“ Zeichner im Hintergrund ist ja wohl das Sahnehäubchen… *grinst*
    Ich sehe da noch einiges auf mich zu kommen… Bisher konnte ich mich ja einigermaßen ausruhen auf bereits vorhandenen Gundlagen. Und da auch ich bei Recherchen gern mal die Zeit (und manchmal auch den Sinn…) aus den Augen verliere könnte es gut sein dass meine Schreiberei doch ein paar Jahre länger braucht als geplant…
    Hmm, es ist schon schade dass mein Umfeld so gar kein Verständnis für Fantasy hat… Aber vielleicht kommen meine Lieben ja doch noch auf den Geschmack… Immerhin hab ich schon mal ne Drachengestaltung in Auftrag gegeben, für den Fall der Fälle!… 😉
    Aber all die Helferlein sind letztlich „nur“ Zuckerguss! Was deine Leser fängt und fasziniert ist doch unterm Strich deine Kunst der Sprache, nicht wahr?
    ….
    …und, wenn ich das mal so sagen darf, du hast einen wirklich guten Umgang damit… 😉

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    • Jery Schober schreibt:

      Danke für das Kompliment *blush*

      Oh, wie gut ich das kenne, wenn man beim Recherchieren ein wenig übers Ziel hinaus schießt und Sachen googelt und Bücher liest, die nicht mal mehr entfernt was mit dem Thema zu tun haben, aber sooo interessant sind…
      Du musst deine Lieben einfach einer Gehirnwäsche unterziehen, indem du ihnen so lange vorbetest, welch tolle Möglichkeiten Fantasy bietet („Ich kann mir alles über die Welt ausdenken, was ich will“) und ihnen ja nichts vom Nachteil der Fantasy erzählst („Ich muss mir alles über die Welt ausdenken, auch wenn ich nicht will“), bis sie überzeugt sind.
      Drachengestaltung? Als Marmorfigur, Gemälde oder 1:100 Modell?

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