Ein guter Feind – Nachtrag

Auf besonderen Wunsch meiner Muse gibt es einen Nachtrag zum Beitrag von gestern (Ein guter Feind – Warum mich negative Motivation antreibt).

Sie machte mich darauf aufmerksam, dass manchmal ich ihr bester Feind bin. Womit sie absolut Recht hat. Und es ist meine volle Absicht *eg*
Ich meine damit nicht, dass ich ihr permanent ihre Ideen ausrede oder vorschreibe, was sie sich auszudenken hat. Oder ihr nicht glaube, wenn sie (mal wieder) von der besten Romanidee seit Erfindung der Schreibmaschine quasselt (die sich dann als wenig originell herausstellt).
Ich kam drauf, dass meine Muse am besten arbeitet, wenn sie ein einfaches Wort hört: Nein.
Ein simples Nein löst eine ganze Kette von Reaktionen aus, an deren Ende die Lösung eines Plotproblems steht, auf die ich sonst nie gekommen wäre.
Wenn ich meiner Muse sage, dass ihre Idee nicht funktioniert, dann wird sie trotzig und sucht nach einem Weg, wie sie ihren Kopf durchsetzen kann. Da sie aber auch weiß, dass sie mir mit nachvollziehbaren Ideen kommen muss, ich Logikfehler nicht dulde und alle Handlungen plausibel sein müssen, strengt sie sich wirklich an und gräbt Lösungen aus, die mich verwundert zurücklassen. Ich habe keine Ahnung, aus welchem Winkel meines Unterbewusstseins sie diese zusammenkratzt, und es ist mir egal, solange es funktioniert.

Es fing im Sommer 2012 an, als ich gerade Höhepunkt und Ende meines ersten Romans in Arbeit hatte. Es erschien mir alles zu langweilig. Die Muse hatte eine Idee, wie wir den Höhepunkt etwas aufpeppen (= verkomplizieren) könnten. Ich war skeptisch und fragte meinen TB (technischer Berater) um Rat. Seine Antwort war entmutigend: Es geht nicht. Was natürlich von mir Stuschädel nicht akzeptiert wurde.
Ich: Aber was ist, wenn der HC nicht dort [Schauplatz des Höhepunktes] rausgeht, sondern drinbleibt?
TB: Der kommt da nicht raus.
Ich: Aber wenn doch?
TB: Kein aber. Er wird diesen Ort nicht lebend verlassen.

Ich musste dem TB Recht geben, als er seine Gründe erläuterte. Ich hätte die Idee der Muse nur durchgebracht, wenn ich sämtliche militärische Protokolle verleugnet und die Antagonisten als grenzdebile Volltrottel hingestellt hätte. Was keine Option ist. Ich habe zwei Dinge von Joss Whedon gelernt, und eins davon ist, wenn die guten Jungs den bösen Jungs entkommen, dann lasst die bösen Jungs nicht wie Idioten dastehen.
Ich, schwer geknickt, fand mich damit ab, dass diese Idee nicht durchführbar war.
Die Muse nicht.
Sie verschränkte nur die Arme, guckte mich finster an und meinte: Geht nicht? Dann schau mir mal genau zu.

Und dann passierte etwas, wovon ich stets und so gut wie immer vergeblich hoffe, dass es mir öfter passiert: In einer halben Stunde diktierte mir die Muse sechs Seiten Text, auf denen sie genau den Fluchtplan des HC darlegte, inklusive zusätzlicher Verwicklungen, den Blickwinkeln der NCs und der Antagonisten und einer Überleitung zu dem ursprünglich geplanten Ende. Einen exakt durchstrukturierten Szenenablauf, für den ich sonst Tage brauche.
Ich war platt, die Muse glücklich.

Was lernte ich daraus? Sag der Muse ruhig öfter, dass etwas nicht klappt. Das sieht sie als Herausforderung.
Wenn’s hilft, bin ich gerne ihr guter Feind.

J

P.S. Da die Muse ja ein Teil von mir ist, macht mich das zu einem Kandidaten für eine Persönlichkeitsspaltung? Man sollte die Gefahren für die geistige Gesundheit des Autors bei diesem Job nicht unterschätzen.

Advertisements

Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
Dieser Beitrag wurde unter Schreiben abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s