Der Autor und seine Mitmenschen

Als Autor lebt und arbeitet man nicht im Vakuum. Außer man ist im All. Die lieben Mitmenschen können einen Schriftsteller das Leben leicht und schwer machen. Manchmal unmöglich.
Die Arten an Menschen, die uns begegnen, sind unterschiedlich. Es gibt, unter anderem, die folgenden:

Die Ja-Sager:
Sie unterstützen euch, wo es nur geht, finden alles, was ihr schreibt, wunderbar, und würden euch sofort einen Literaturnobelpreis verleihen, wenn es in ihrer Macht stünde. Nicht selten sind die Ja-Sager mit dem Autor verwandt. Sie sind gut, um das Ego nach einer vernichtetenden Kritik aufzubauen. Immerhin liebt eure Mutter noch eure Vampir-trifft-Werwolf-der-ein-halber-Engel-ist-Romanze, obwohl sie euch von fünf Testlesern zurückgeschmissen wurde. Als Kritiker taugen Ja-Sager nicht, aber manchmal will man einfach nur hören, dass man nicht der einzige Mensch auf der Welt ist, der seinen Erstlingsroman für grandios hält.

Die Rumdruckser:
Sie würden euer Buch gerne toll finden, weil sie eure Freunde sind. Aber da ist etwas, was sie stört. Sie mögen den HC nicht. Sie finden das Ende blöd. Sie lasen den Mittelteil nur deshalb, weil sie es versprochen haben. Sie würde euch gerne die Wahrheit sagen, aber sie haben Angst, dass dies die Freundschaft nachhaltig beeinträchtigt. Deshalb behelfen sie sich mit Halbwahrheiten, verschleierten Lügen und allgemeinen Floskeln, die sich nett anhören, euch aber schriftstellerisch kein Stück weiterbringen.

Die Ahnungslosen:
Sie kennen sich mit dem Verlagswesen nicht aus. Sie finden es großartig, dass ihr schreibt, und fragen euch, wann eurer Buch erscheint. Sie wollen wissen, ob ihr danach weiterhin dem Dayjob nachgeht oder als angehender Bestsellerautor nur mehr vom Schreiben lebt. Sie gehen davon aus, dass es reicht, ein Buch an den Wunschverlag zu schicken, und 6 Monate später hält man den gedruckten Roman in Händen, dessen 1. Auflage binnen einer Woche ausverkauft ist. Sie sind eine Mischung aus naiv und begeistert. Ich mag sie, auch wenn ich manchmal nicht drum herumkomme, ihre Illusionen bezüglich der Schriftstellerei zu zerstören.

Die Neider:
Sie haben euer Buch nicht einmal gelesen, aber sie mögen es nicht. Sie finden das Genre doof, den Inhalt nicht literarisch genug und euren Traum bemitleidenswert. Sie würden selbst gern ein Buch schreiben, weil das doch jeder kann, wenn sie nur die Zeit hätten. Sie verstehen nicht, dass ihr diese Zeit nicht geschenkt bekommt, sondern sie mühsam im Alltag zusammenkratzt. Ihr habt das Schreiben zu eurer Priorität erklärt, ein klares Ziel vor Augen, und lebt den Drang nach Schöpfung aus, den die meisten in sich spüren. Sie sind neidisch, weil sie diesem Drang nicht nachgeben.

Die Realisten:
Sie wissen, wie hart das Leben eines Autors ist. Wie gering die Chancen auf Veröffentlichung. Wie wenig man damit verdient. Sie würden es niemals selbst tun, aber sie bewundern euch für eure Hartnäckigkeit und das Festhalten an einem Traum, auch wenn alles dagegen spricht. Nach der 20. Absage klopfen sie euch mitleidig auf die Schulter und laden euch auf einen Drink ein. Wenn sie euch fragen, ob ihr weitermacht, und ihr, Glas in der Hand, nur mit grimmiger Miene nickt, meinen sie nur leichthin „dachte ich mir“ und ordern den nächsten Drink. Und/oder einen Schokomuffin.

Die Kritischen:
Sie haben eine Mission zu erfüllen – sie geben auf eueren Wunsch Feedback ab. Das tun sie mit Ernsthaftigkeit und Eifer. Sie wissen, dass der Dank gering sein wird, weil niemand gerne hört, welche Fehler sein bereits 3 Mal überarbeiteter Roman noch immer enthält. Sie schonen euch nicht, nur weil ihr euch kennt. Sie wollen aus dem Buch, eurem Buch, das bestmögliche Buch machen, und wenn ihr als Autoren dafür leiden müsst – so be it. Das gehört dazu. Behandelt sie wie Gold.

Die Arroganten:
Sie erkundigen sich freundlich nach euren Schreibfortschritten, finden es absolut fantastisch, dass ihr schreibt, und verabschieden euch mit einem süffisanten Grinsen. Sie belächeln eure Arbeit. Sie glauben, ihr führt ein armseliges Leben, weil ihr nichts Besseres zu tun habt, als eure Freizeit mit dem Erfinden von Geschichten zu verbringen. Anscheinend mangelt es euch an einem Partner/anderem Hobby/anstrengenderem Job, dann würdet ihr nicht auf solche dämlichen Gedanken kommen. Sie sind überzeugt, dass ihr niemals Erfolg haben werdet. Dass es Zeitverschwendung ist. Dass ihr endlich ein Leben führen sollt. Sie wissen es nicht besser, weil sie sich nicht vorstellen können, wie erfüllend das Aufschreiben von Geschichten ist. Und manchmal sind sie getarnte Neider.

Die Enttäuschten:
Sie kennen euer Buch. Sie wollten es mögen. Wirklich. Doch sie tun es nicht. Nach anfänglicher Begeisterung stellen sie fest, dass es nicht das ist, was sie erwartet haben. Die Handlung erfüllt nicht ihre Erwartungen. Der Stil ist ihnen zu schlicht. Oder zu blumig. Sie mögen den HC nicht und würden ihn am liebsten gegen jemand tauschen, der keine Memme ist. Sie verstehen nicht, was schief gegangen ist. In der Erzähl-Phase klang es doch so gut. Sie haben Erwartungen, die sich mit dem Ergebnis nicht vereinbaren lassen. Sie werden lernen müssen, mit dieser Enttäuschung zu leben. Ebenso wie ihr. Kein Autor kann es allen recht machen. Es wird immer jemanden geben, der euer Buch nicht mag. Es soll sogar Leute geben, die Stolz und Vorurteil nicht mögen.

Die Fans:
Ihr kennt sie selten persönlich. Sie haben euer Buch gekauft. Und dann euer nächstes. Sie mögen euren Stil, eure HCs und die Geschichten, die ihr euch ausdenkt. Sie sind kritisch, sie nehmen nicht alles hin, sie werden sich über manche eurer Entscheidungen furchtbar aufregen, aber sie werden euch treu folgen und auch euer nächstes Buch lesen, weil ihr ihnen einige Stunden Unterhaltung, Spannung und Abenteuer versprecht. Schätzt sie, hegt und pflegt sie, weil sie der Grund sind, warum ihr eure Werke der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Schreibt zuerst für euch, dann für die anderen.

J

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Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
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2 Antworten zu Der Autor und seine Mitmenschen

  1. Kooky Rooster schreibt:

    Geile Auflistung! Kenne sie alle.

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  2. jery22 schreibt:

    Inspiriert von täglichen Begegnungen und den Schilderungen anderer Autoren 🙂 Bei manchen denke ich mir, leider kenne ich diesen Typus, bei manchen, zum Glück! V.a. die Kritischen schätze ich sehr.

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