Revision # 1: Töte deine Lieblinge – Gedanken zur Überarbeitung

Was macht ein Autor, wenn sein erster Roman statt der angepeilten 120.000 Wörter 334.000 Wörter hat?
Er ignoriert das Buch, schreibt ein zweites und beäugt seinen Erstling mit Misstrauen, Hass, Zuneigung und Angst. Und weiß genau, dass er nicht darum herumkommen wird, sich diesem Roman zu stellen.

So geschehen mit meinem ersten Roman. Seitdem nur noch „das Monster“ genannt. Und seitdem bin ich auf der Suche nach einem Drachentöter, der das Biest zur Strecke bringt. Da ich dummerweise niemanden das Buch lesen lasse, bleibe nur ich selbst übrig, um diese Aufgabe zu übernehmen. Und glaubt mir, ich will nicht. Ich will absolut nicht.
Und habe doch keine Wahl.

Es war nie meine Absicht, so viel zu schreiben. Zumindest nicht für ein gottverdammtes Buch. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Krimi oder eine Liebesgeschichte hat 80.000 bis 100.000 Wörter (100k). Im Fantasy-Genre gibt es etwas mehr Spielraum nach oben, da der ausführlichere Weltenbau berücksichtigt wird. Standardlänge ist hier 120k, manchmal auch 150k. Wer 180k bei seinem Verleger durchbringt, gehört zu den Bestsellern des Genres. Das können sich Sanderson, Rothfuss, Weeks erlauben. Ich nicht.
Mein Monster ist so lange wie Der Herr der Ringe. Alle 3 Bücher.
Bei mir geht es nicht um epische Schlachten, das Schicksal eines Volkes, die Zukunft einer ganzen Welt. Es geht um eine Handvoll Figuren und ihre Abenteuer. Wenn die gesamte geplante Trilogie so lange wird, ok. Aber nicht das erste Buch allein.

Wie es dazu kam? Fragt die Muse *zeigt mit dem Finger* Sie ist schuld. Und eine schlechte Planung. Es war mein erster Roman. Ich hatte bis dahin nur Erfahrung mit Kurzgeschichten und Novellen. Ich fing, entgegen meiner sonstigen Vorgehensweise, mit dem Plot an, und da nicht mit dem Eingangsproblem oder dem Kern der Handlung, sondern mit dem Höhepunkt. Ich wusste, worum es gehen wurde. Ich wusste nicht, warum wer was genau tat und wie es überhaupt zu dem Höhepunkt kam.
Normalerweise habe ich zuerst einen oder mehrere Charaktere. Dann folgt immer die Frage: Was bedeutet diesem Charakter am meisten? Was will er? Was ist ihm am wichtigsten? Gefolgt von der Frage, was ist, wenn ich ihm das wegnehme? Der Rest ergibt sich dann, nun, nicht von selbst, ich denke da schon aktiv nach, aber es ergibt eine Kette von Aktionen und Reaktionen, die meine Handlungspunkte werden.
Nicht bei diesem Projekt. Es folgte eine Phase der Charakterfindung und Plotentwicklung. Eine laaange Phase. Die ich schriftlich festhielt. In Szenen. Irgendwann nach einem Viertel, wo ich zwar auf den Höhepunkt zuschrieb, aber ohne so rechten Plan, kam ich drauf, dass ich den Beginn der Geschichte viel früher ansetzen muss, weil es sonst eine Orgie der Rückblenden und Einschübe wird, um zu erklären, wie die Charaktere überhaupt zu diesem Punkt gelangten. Also wurde das Buch noch länger.
Ich gestattete der Muse, jede Abzweigung vom Hauptplot zu nehmen, sich jeden neuen Pfad anzugucken, weil ich nicht wusste, wo die Reise hinging. Oh, ich wusste, wo sie enden würde, aber nicht, wie lange es dauern würde, welche Straße ich nehmen soll und wen ich unterwegs treffen würde. Und das Buch wurde noch länger.
Gegen Ende kam die Muse drauf, dass der Höhepunkt, das einzige, was von Anfang an feststand, zu langweilig war. Zu simpel. Also brachte sie ein Verwicklung ins Spiel. Und meinen Hauptcharakter fast um. Ich hatte einen Höllenspaß beim Schreiben, mein HC weniger, der hatte damit zu tun, am Leben zu bleiben.
Noch mal 70k mehr.
Ein Plot, der sich erst mit dem Schreiben entwickelte, eine ungezügelte Muse, die allen Charakteren erlaubte, sich auf ihrem Weg umzuschauen, und meine Tendenz zu schwafeln ergaben am Ende 334k.
Und den Wunsch nach einer Axt, um dieses Monster zu halbieren. Oder zumindest ein Breitschwert.
Alles, was ich habe, sind Maus und Tastatur.

Es war Absicht, dass ich den Roman liegen ließ, um Abstand zu gewinnen. Um beurteilen zu können, welche Szenen ich streichen muss. Um herauszufinden, wie die Handlung genau abläuft.
Es war keine Absicht, dass es so lange dauerte.
Echo 1 (weiterhin titellos) wurde am 30.10.2012 beendet. Weil ich am 1.11. mit dem NaNo anfangen musste 🙂 Ich schrieb seitdem die Fortsetzung und habe zwei weitere Romane zur Hälfte fertig.
Seit über einem Jahr liegt Echo 1 auf meiner Festplatte und schwebt wie ein schwarzer Schatten über mir. Allein die Aussicht darauf, mir das Monster vorzunehmen und durchzulesen, verursacht leichte Übelkeit.
Aber alles Hinauszögern nutzt nichts. Ich muss mit der Überarbeitung beginnen, und ich bin die einzige, die es kann. Nachteil, wenn man der Autor ist.

Es wird darauf hinauslaufen, dass ich viele meiner Lieblingsszenen streiche. Ersatzlos. Mir blutet das Herz dabei. Ich habe keine andere Wahl. Es ist das Beste für die Geschichte. Und das ist das einzige, was zählt.
Die erste Fassung schreibt der Autor für sich selbst. Die überarbeitete Fassung ist für den Leser. Da dürfen persönliche Vorlieben und Lieblingsszenen keine Rolle spielen. Bei der Revision kommt es nur darauf an, soviel Marmor wegzuschlagen, dass die bestmögliche Geschichte übrig bleibt, was in meinem Fall heißt, 200.000 Wörter zu entfernen. Das ist der Umfang von zwei Romanen.

Autor sein ist hart. Manchmal muss man seine Lieblinge töten.

J

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Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
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13 Antworten zu Revision # 1: Töte deine Lieblinge – Gedanken zur Überarbeitung

  1. para68 schreibt:

    Ich werde Dir ein Breitschwert und eine Rüstung schenken, engagier ein paar Komparsen, die Dich laut und ausdauernd anfeuern und dann wirst Du es schaffen!

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  2. udo75 schreibt:

    Auch wenn der Vergleich vielleicht hinkt, aber auch in anderen Berufen besteht der Großteil der Arbeit daraus aus einem Schönen durchdachten Entwurf ein Kostenoptimiertes, Bauzeitoptimiertes, Energieoptimiertes im wahrsten Sinne kastriertes Gebäude zu bauen, das mit dem Entwurf nur mehr dem Bauplatz gemeinsam hat. Und auch hier ist es nicht leicht seinen wunderbaren Entwurf zu kürzen und zu verstümmeln. Wir nennen es aber nicht kastrieren sonder Optimieren *g*
    Das schlimme daran ist der Anfang, wie beim Chirurgen der erste Schnitt, ist der erste getan lässt sich munter drauf los schnippeln.
    Ob mit Skalpell oder Breitschwert, ich finde nicht das du damit deine Lieblinge tötest (außer ein Charakter muss das Buch vorschnell verlassen), das geschriebene ist ja nicht weg, kann ja zum Teil auch in anderen Geschichten wieder eingebaut werden, oder in zehn Jahren als „Extented Version“ mit „Secret Scenes“ auf den Markt kommen. Als sehr dickes Buch dann aber *g*
    Hau drauf los, ich bin mir sicher das Ergebnis wird nicht nur dich begeistern.

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  3. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Hast du eigentlich daran gedacht, alle gelöschten Szenen dennoch irgendwo aufzubewahren? Vielleicht kommt dabei eine ganze Novelle oder eine Kurzgeschichtensammlung mit deinen Charakteren raus, die du als Spin-Off verwenden kannst?

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    • jery22 schreibt:

      Sämtliche Szenen existieren noch – endgültig gelöscht wird gar nichts, man weiß ja nie, wann man diese Szene, den Absatz oder jene Formulierung noch brauchen könnte 🙂 Ich mache alle Änderungen in einem neuen Entwurf und behalte so die Urfassung.
      Der Gedanke, die gelöschen Szenen zu eigenen Geschichten umzuformen, kam mir auch schon. Bei etlichen wird es nicht möglich sein, aber bei einigen könnte es ganz gut klappen. Meine Muse und ich sind ein großer Fan von Recycling.

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      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Ich kenne das so gut, schreibtechnisch wird bei mir auch alles gehortet bzw. jede einzelne Änderung irgendwo aufbewahrt und dokumentiert.

        Und Recycling ist toll – besonders bei Ideen-Overflow. Oder wenn man vor vieeelen Jahren eine interessante Idee hatte, sie aber noch nicht richtig verwerten konnte.

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        • jery22 schreibt:

          Ich nenne das literarisches Recycling – nichts wird weggeworfen, nichts ist umsonst geschrieben. Manche Ideen brauchen Jahre, um zu reifen, und sind in einem separaten Ordner gut aufgehoben. Und mal ehrlich – welcher Autor hat keinen Ideen-Overflow? 😉

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  4. Paula Grimm schreibt:

    Stimmt, dass jeder Autor wohl den Overflow kennt. Aber die meisten werden auch Durststrecken, Dürreperioden kennen. Da hilft ein Griff ins Depot auf die Sprünge. Ich wünsche Dir, dass es gelingt den Hobel oder die feile ruhig und sicher zu führen, damit am Ende ein guter und unterhaltsamer Roman entsteht und zwar mit 100 001 Worten. 😉

    Liebe Grüße

    Christiane (Texthase Online)

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    • jery22 schreibt:

      Danke für die guten Wünsche – momentan bin ich eher mit der Feile als mit der Axt unterwegs, die nötiger wäre, aber es ist ein Anfang. Ich krieg mein Monster schon noch klein…
      Lg, J

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  5. chickinwhite schreibt:

    Na, dann noch mal hier die Frage – und wie weit bist du nun schon mit der Axt gekommen?? 🙂
    Hey hey! Da du mailtechnisch wahrscheinlich noch ne Weile auf dich warten läßt probier ich´s einfach mal übers Posting… Jaja, ich bin nämlich ganz schön tricky, und hartnäckig ja sowieso!
    :P:
    Hab diesen Post auf den Titel hin durchstöbert, weil ich auch schon so langsam im Überfluß der Worte bade… Bin bei 80.000 (knapp) und so wie sich das anläßt, handlungstechnisch, kann das auch noch viel, in Worten VIIIEEEEL mehr werden.
    Wir haben ganz eindeutig zu vilee wirklich gute Autoren gelesen, die es locker schaffen, 1000 Seiten lang ihre Leser im Bann zu halten!
    Ich hab mir jetzt, neben Intensivstudium von Kristen Lamb mit ihren „best-entertainig-advices“ auch noch mal Leseproben von Weeks, Sanderson und ein paar anderen runtergeladen, arbeite eiin paar Stellen von Terry Goodkind durch (der hat nun nwirklich nicht den leisesten Ansatz von „Kürze ist Würze“! Aber trotzdem: die ersten 4 Bücher vom Schwert der Wahrheit sind einfach klasse erzählt…. Danach (also nach immerhin 4000 Worten) kommt er allerdings auch immer mehr ins Schwafeln und hätte mal besser hier und da die Axt angesetzt…)
    Ich habe eine Karte entworfen um mir den Ablauf und die Wege meiner Helden nachzuvollziehen, habe immer noch ein gnadenloses Problem mit NAmen, kann mich nicht entscheiden wer dran glauben soll, und: TATATATAAAAA: habe im Urlaub MEIN!! Symbol gefunden, es als Anhänger gekauft und meiner Haus- und Hof Designerin gestern ein Foto überlassen, damit sie´s ausbaut und später ins Buch einbaut…
    (Ich hab ihr nicht gesagt dass sie noch viiieeeel Zeit dafür hat) 😈
    Okay, soviel von meiner Front und dem derzeit wirklich – einigermaßen – intensivem Umgang mit meiner Muse, die auch wieder hochmotiviert ist – und prompt zwei Erzählstränge ausbauen will, …aber ich wüsste immer noch gerne wie´s bei dir ausschaut?
    Und neben den Axt-Sessions wie´s dir geht?… 😉
    Oh, und ich finde mal wieder deine neuen Infobalken klasse von deinen WIPs… !!
    (Hmm, muss dringend auch meine WIPs auf meinen Blog bringen…) 🙄
    Hab einen wunderschönen Sonntag!
    Mo

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    • Jery Schober schreibt:

      Welcome back!
      80k? Go, girl!!! Kirsten Lamb ist klasse, und von den Fantasy-Göttern brauchen wir gar nicht zu reden. Ich sauge momentan alles auf, was Sanderson von sich gibt, nachdem ich Weeks‘ Ratschläge auf seiner HP durch habe.
      Hochmotivierte Muse? Äh, leihst du sie mir mal? Meine könnte einen Peptalk gebrauchen. Wir dümpeln so vor uns hin, weil wir grad an einer sauschwierigen Szene sitzen, die ich komplett umschreiben muss. Nicht leicht, wenn die Muse furchtbar an der alten Fassung hängt. Das erste Drittel der Szene hab ich hinter mir, jetzt folgen Teil 2 und 3, und danach geht’s wieder ein wenig leichter mit dem Überarbeiten, bis ich zum nächsten Roadblock komme… Bin noch immer in Phase 1 der Überarbeitung – Struktur erfassen und alles in die richtige Reihenfolge bringen. Ich freu mich schon so darauf, mich nur mehr mit der sprachlichen Ebene befassen zu dürfen.
      Die Infobalken entstanden gestern nach Mitternacht, in dem Versuch, mich selbst unter Druck zu setzen, weil es peinlich ist, wenn sich wochenlang kein Balken bewegt. Falls du das Widget brauchst: Hab ich von Critique Circle (http://www.critiquecircle.com/wordmeterbuilder.asp).
      Email ist in Arbeit, kommt hoffentlich Anfang der Woche 😀

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      • chickinwhite schreibt:

        Na fein! 😉 Dann bin ich mal gaaaanz geduldig und warte ab…
        Heute hat meine Muse mich dann kurzfristig auch wieder im Stich gelassen. Außer ein komplettes Kapitel zu streichen (-8000k!) hat sie nix geleistet.
        Ich sollte wirklich den inneren Kritiker wieder in den Keller sperren!
        Will doch bis Weihnachten die Rohfassung stehen haben. Aber nachdem es im Urlaub so gut lief kommen mir jetzt langsam die Zeifel… 😦
        MEH!!
        Ich hau mich auf die Couch. Hoffentlich gibt´s da Netteres…
        Ciao, Bella! Bis hoffentlich bald *winkt*

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        • Jery Schober schreibt:

          Was machen wir mit Zweifeln? Wir ignorieren sie! Also nicht zweifeln, sondern weiter auf der Welle der Inspiration dahinsurfen, und der innere Kritiker muss im Keller bleiben, bis die 1. Fassung fertig ist. Weihnachten ist noch ein ganzes Stück entfernt, das geht sich aus 🙂

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