Das Rüstzeug eines Autors # 3 – Rituale

Was ich an dem Film Shakespeare in Love liebe, sind die herrlichen Rituale, die Will Shakespeare jedes Mal vollführt, bevor er mit dem Schreiben beginnt. Zwar erscheint es mir übertrieben, sie selbst nachzumachen, aber ich amüsiere mich über einen Autor und seine Kniffe, sich selbst in Schreiblaune zu versetzen.
Manche können nur in ihrem alten Lieblingssessel schreiben. Andere nur an einem bestimmten Tisch. Einige bekommen nur am Abend Worte auf den Monitor, einige nur am Morgen. Viele wollen dabei ganz allein sein. Wieder andere gehen zum Schreiben in ein Café und fühlen sich erst bei der Geräuschkulisse aus Plaudereien und Kaffeemaschinen wohl genug, um die Kreativitätsmaschine in ihrem Geist anzuwerfen. In Zeiten von Laptops ein Leichtes, seine ganze Arbeit an den Ort mitzunehmen, wo die Fantasie am ehesten Saltos schlägt.
Ich hätte gerne ein Ritual, das meine Muse sofort in Schreiblaune versetzt. Einen Platz oder Vorgang, der ihr sagt, so, meine Liebe, jetzt ist Schluss mit Rumtrödeln, jetzt wird gearbeitet.
Ich kam drauf, dass das für mich nicht funktioniert. Ich schreibe hauptsächlich an einem von zwei Schreibtischen. Aber ich habe auch schon am Couch- oder Küchentisch geschrieben, auf dem Sofa, der Wiese und der Gartenliege, im Ohrensessel, Bett oder Auto. Ich schreibe meistens abends, gerne auch in der Nacht, aber ich kann auch am Vormittag schreiben. Nur nicht frühmorgens, da funktioniere ich nur, aber denken kann ich um 7 Uhr noch nicht.
Ich habe wenig freie Zeit und kann es mir meistens nicht aussuchen, wann ich diese Zeit habe. Sie ist durch den Dayjob und private Verpflichtungen vorgegeben. Blöd, wenn meine Muse dann meint, nööö, ich hab keine Lust, ich mach jetzt ein Schläfchen. Da lernt man schnell, auf Rituale zu verzichten, weil sie nicht immer durchführbar sind.

Was auch immer euch in Schreiblaune versetzt, kultiviert und verwendet es, wann immer möglich, aber macht euch nicht davon abhängig. Wenn ihr wie ich einen vorgegebenen Tagesablauf habt, der die Schreibzeiten sehr eingeengt, dann sind Zeit und auch der Ort meistens bereits bestimmt. Da kann es sich kein Autor erlauben, auf das Erscheinen der Muse zu warten. Sie hat gefälligst da zu sein.
Und wenn nicht – dann fangt ohne sie an. Meine Muse sieht sich eine Weile an, welchen Schwachsinn ich ohne sie tippe, ehe sie aus ihrer Schlaf/Schmollecke kommt und mitmacht, weil sie nicht mitansehen kann, welche literarischen Grausamkeiten ich ohne sie für die Nachwelt festhalte. Nicht, dass es mit ihrer Hilfe immer besser wird, aber ich habe dann zumindest jemanden, auf den ich die Schuld abwälzen kann, wenn das Ergebnis furchtbar ist oder meine Charaktere schon wieder Nahtoderlebnisse haben 😉
Wenn ich die Muse jetzt noch davon überzeugen könnte, dass sie sich meine Alleingänge nicht tagelang ansieht, sondern höchstens zehn Minuten…

Ich brauche keine Rituale, weil ich es mir nicht leisten kann, von ihnen abhängig zu sein.
Abgesehen von Duftkerzen.

Schreibt mit Ritualen, schreibt ohne, Hauptsache, ihr schreibt.

J

Advertisements

Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
Dieser Beitrag wurde unter Rüstzeug eines Autors, Schreiben abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s