Zwei Seelen in meiner Brust

Las mir heute einen Teil des Endes von Band 2 durch, wo sich zwei meiner HCs unfreiwillig voneinander verabschieden, beide hoch emotional und bemüht, es nicht zu zeigen, beide in dem Wissen, einander nie mehr wieder zu sehen, und das, was zwischen ihnen war und nicht sein durfte, wird nie eine Auflösung finden – kurz, heavy stuff. Im Hintergrund läuft „Angels on a Rampage“, und ich dachte mir auf einmal „holy shit, ich bin gut“.

Um die Bedeutung dieser Erkenntnis einzuschätzen – ich denke das sonst nicht von mir. Ich bin chronisch unzufrieden mit so ziemlich allem, was ich schreibe. Ich finde die Hälfte meiner Szenen grottenschlecht. Ich habe mindestens einmal die Woche eine Krise, ich will alle drei Monate mit dem Schreiben aufhören, weil ich mich für zu schlecht halte.
Ich lebe seit Jahren mit permanenten Selbstzweifeln. Ich werde sie nicht los, und die einzige Art, wie ich damit zurechtkomme, ist, sie zu ignorieren. Vollkommen und total. Nie darüber nachdenken, warum ich so schlecht bin, weil ich sonst nie wieder was schreibe.

Und dann lese ich mir was durch, zum ersten Mal, seitdem ich es geschrieben habe, und stelle nicht nur fest, dass es verwendbar ist, sondern dass es gut ist. Sicher, es muss noch geschliffen werden, einige Formulierungen gehören verbessert, aber der Kern ist gut. Genauso, wie ich es haben wollte.

Ein Autor braucht zwei Seelen in seiner Brust – er muss überzeugt sein, dass er großartig ist und dass der Leser gerne und freiwillig Zeit und Geld investiert, sein Buch zu lesen. Das verlangt big balls und den unbedingten Glauben, dass man hervorragend schreibt und es für andere keine Zumutung ist, das Zeug zu lesen.
Und ein Autor braucht permanente Selbstzweifel, denn nur das bringt ihn dazu, sein Buch zu überarbeiten, an sich zu arbeiten, zu feilen, verbessern, umschreiben und neu schreiben. Ein Autor darf nie zufrieden sein mit seiner Art zu schreiben, weil er dann bequem wird und sich keine Mühe mehr gibt. Aber er muss erkennen, wann gut gut genug ist. Wann er aufhören muss zu polieren. Wann sein Werk auf die Menschheit losgelassen werden darf.

Ich hab zuviel Selbstzweifel und zu wenig Eier, aber ich arbeite daran, dass sich dieses Verhältnis auf 50:50 einpendelt.

J

Advertisements

Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
Dieser Beitrag wurde unter Schreiben abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Zwei Seelen in meiner Brust

  1. para68 schreibt:

    Ich finde es fantastisch, dass Du Dir endlich eingestehen kannst, dass MINDESTENS eine der von Dir geschriebenen Szenen sehr gut gelungen ist! Glaub mir, das ist mit absoluter Sicherheit nicht die einzige! Ich wünsche Dir ganz viel und möglichst schnellen Erfolg bei dem Bemühen, die Waage zwischen Selbstkritik und Anerkennung der eigenen guten Leistung auszugleichen! Du und Deine Romane haben es wirklich verdient! 🙂
    Außerdem freue ich mich nun natürlich noch mehr auf Lesestoff von Dir, den ich hoffentlich bald bekommen werde. 🙂

    Gefällt mir

    • jery22 schreibt:

      Na ja, ich würd mich nicht so sehr auf meine Bücher freuen – nur, weil ich eine Szene gut finde, heißt das nicht, dass andere es auch tun. Ich lernte durch harte Erfahrung, dass oft die Szenen, an denen mein Herz hängt, bei meinen Betalesern total durchfallen *schulterzuck* Man lernt damit zu leben.
      Oh, Lesestoff kriegst Du, keine Sorge, sobald ich das Monster von Band 1 auf unter 150k getrimmt habe. Was tatsächlich noch 2014 der Fall sein sollte 🙂
      Ich hoffe, ich kriege die Novelle vorher fertig, weil ich langsam echt das Erfolgserlebnis brauche, irgendwas fertig gestellt zu haben, egal was.

      Gefällt mir

  2. udo75 schreibt:

    Wir alle sind davon überzeugt und wissen, dass Du gut bist. Sehr gut sogar, daran besteht für alle außer dir kein Zweifel.
    Es ist nur ein schier unmögliches Unterfangen Dich davon zu überzeugen, da freut man(n) sich wenn Du es selber merkst und Dir eingestehen musst. *ggggg*
    Natürlich braucht und hat jeder „Künstler“ Selbstzweifel. Und die braucht er auch um sich weiterentwickeln zu können.
    Für sich selbst sollte jeder Künstler ein sehr hohes Maß an Selbstkritik haben, um stets das Optimum am Kreativität und Leistung herausholen zu können. Nach außen sollte aber auch jeder Künstler genug „Eier“ haben, um für sein Werk einstehen zu können. (Und wenn es nur ein „zum damaligen Zeitpunkt war es das beste was möglich war – aber jetzt ist es nun so Punkt – weil ich es will!“)
    Eine Aufteilung von 50:50 ist aber für kommerzielle Kunst schlecht, weil die Gefahr besteht, dass man nie mit etwas ganz zufrieden / fertig wird – man(n) & frau sollten danach trachten, dass die Selbstzweifel unter 50% und die „Eier“ über 50% liegen und sich ab und an die Anerkennung anderer zu den eigenen „Eiern“ dazurechnen.

    Gefällt mir

    • jery22 schreibt:

      Ja, doch, ich geb’s zu, ich find nicht alles von mir schlecht. Sonst würd ich nicht weiterschreiben. Oft genug sind es nur einzelne Sätze, wenn ich Glück habe, ein Absatz. In letzter Zeit, also das letzte Jahr, ganze Szenen (mit dem unvermeidlichen „oh, diese Forumlierung geht besser, da muss ich noch kürzen, das versteht keiner außer mir…“). Ich bin zuversichtlich, dass mit nächstes Jahr ganze Kapitel gefallen werden 😉
      Scheint so, als hätte ich mich warmgeschrieben und meinen groove gefunden. War ja auch nur eine halbe Million Wörter dafür nötig…

      Ich werde mich bemühen, die Anerkennung anderer – nun, anzuerkennen, auch wenn es mir schwerer fällt, Lob anzunehmen als Kritik. Das Misstrauen des Autors vor einer netten Meinung. Damit sollte die Ratio von Eier zu Selbstzweifel auf 55 : 45 umschlagen.
      Und es ist merkwürdig, als Mädchen von Eiern zu reden.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s