Wie sympathisch muss ein Charakter sein?

Sehr oder gar nicht.
Es gibt so viele Antworten auf diese Fragen wie es Charaktere in Büchern gibt. Alles hängt davon ab, was der Autor mit dem Charakter bezwecken will.
Sympathie ist keine Grundvoraussetzung für einen Hauptcharakter (Hannibal Lecter anyone?). Keiner erwartet, dass der Gegenspieler des Helden eine durchwegs sympathische Figur ist. Essentiell ist, dass der HC den Leser interessiert und fasziniert. Dann kommt der Autor auch damit durch, dass der HC amoralische Handlungen tätigt, auf der falschen Seite des Gesetzes steht oder ein Serienkiller ist.
Diese Faszination, auch und gerade für das Böse, führte zu einem Aufschwung der bad boys in Liebesromanen, zu einer jahrehundertealten Tradition denkwürdiger Gegenspieler (zB Moriarty für Sherlock Holmes) und zu etlichen Romanen, wo die Sicht des Antagonisten genauso viel Raum einnimmt wie die des Helden, der ihn aufhalten soll.

Doch was ist, wenn der HC vom Leser gemocht werden soll? Nicht nur, dass seine Wege mit Interesse verfolgt werden, nein, wir Autoren erwarten, dass der Leser unseren Helden MAG. Bevorzugt sogar liebt. Da kommen wir um Sympathie nicht herum.
Symapathie führt dazu, dass der Leser sich mit dem Charakter identizifiert, mit ihm fühlt und leidet. Diese Bindung lässt ihn hoffen, dass der Held am Ende siegreich aus dem Kampf hervorgeht (und es ist egal, ob es ein Kampf gegen Drachen, die Bürokratie oder Einsamkeit ist.).

Wie groß die Sympathie sein muss, ist von Leser zu Leser verschieden. Manche brauchen einen gut-guten Helden, der moralische Standards hat, gegen die Superman wie ein Krimineller wirkt. Manche finden es gut, wenn der HC Ecken und Kanten hat, gegen die Batmans Ohrspitzen rund erscheinen.
Manche bevorzugen Helden, die genauso wenig perfekt sind, wie sie selbst. Manche wollen gerade deshalb eine perfekte Figur ohne Fehl und Tadel, weil sie selbst diesen Standard nicht erreichen.

Niemand ist perfekt. Sollten unsere HCs es sein?
Diese Frage muss jeder Autor für sich selbst beantworten.
Zur Generierung von Konflikten empfiehlt es sich, Charaktere zu erschaffen, die nicht perfekt sind. Sie dürfen Fehler und Ängste und Makel haben wie wir alle. Gerade durch diese Fehler werden sie falsche Entscheidungen treffen, was wiederum Konflikt erzeugt.
Wie fehlerhaft die Charaktere sind, liegt an uns Autoren zu entscheiden. Manche Leser können mit einem Mörder als HC sehr gut leben, andere ertragen nicht einmal, dass er als Kind einen Lolly geklaut hat.
Vertraut auf euren Instinkt. Wenn ihr den Charakter mögt, ist die Chance groß, dass es auch der Leser tut.
Nicht alle. Niemals alle. Verabschiedet euch von dem Gedanken, ein Buch zu schreiben, dass alle mögen werden. Das gibt es nicht.
Schreibt das Buch mit dem HC, das ihr selbst gerne lesen wollt. Seid euer eigener moralischer Kompass. Es werden sich Leser finden, die das ähnlich sehen. Es wird welche geben, die sich beschweren. Einige werden das Buch nicht zu Ende lesen, weil sie den Charakter nicht mögen. Andere werden es zu Ende lesen, weil sie wissen wollen, ob er am Ende eine Tat vollbringt, die ihn in einem besseren Licht erscheinen lässt.

Und vergesst nie, dass ihr ihm einen Grund für sein Verhalten geben müsst. Einen guten Grund. Wenn der Held seine schwangere Freundin sitzen lässt, um mit der Bedienung seines Lieblingslokals durchzubrennen, reicht ein lapidares „ihm war grad danach“ nicht als Grund aus. Wenn der HC auf Seite 2 seine Mutter umbringt, solltet ihr besser schleunigst zumindest andeuten, dass mehr dahintersteckt, als „sie machte ihm nicht seinen Lieblingskuchen zum Geburtstag“. Sonst landet euer HC im Reich der Psychopathen. Die durchaus faszinierend sein können. Aber sympathisch? Nur, solange man nichts von ihren Greueltaten weiß.
Wenn ihr etwas wie Dexter schreiben wollt, dann nur zu. Aber seid gewarnt – bei dieser Gradwanderung werden viele Leser abspringen.

Und zum Schluss eine weitere Warnung: Schreibt auch keine Supermänner. Die sind langweilig. Gebt ihnen Ecken, Kanten, Rundungen und 180°-Kurven. Macht sie zu Menschen.

J

P.S. Falls ihr euch wundert, warum ich immer die männliche Form benutze und nie von Heldin, Leserin oder Autorin spreche – ich habe die Nase voll vom Gendern und verzichte darauf. Ja, ich bin ein Mädchen, und ja, ich lege keinen Wert darauf, als AutorIN angesprochen zu werden.

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Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
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