Schreiben als Job

Schreiben ist ein harter Job, sonst würde es jeder machen.

Die Arbeitszeiten sind unregelmäßig, lang und oft bis spät in der Nacht. Oder in den frühen Morgen.
Der Kontakt zu Kollegen im eigenen Büro ist nicht gegeben.
Der Vorteil, dass es keinen Vorgesetzten gibt, verwandelt sich schnell in einen Nachteil, weil uns niemand sagt, wann wir etwas zu tun haben. Keine Ahnweisungen von oben, außer der Deadline des Verlages. Oder der selbst gesetzten. Keiner, der uns sagt, wie wir unser Autorendasein organisieren. Wir sind unser eigener Projektmanager.
Es gibt keine 14 Gehälter, keine Prämien und Geld nur dann, wenn wir das Buch verkaufen. Und wenn wir es zu schreiben anfangen, wissen wir selten, ob uns das gelingt. Es sei denn, der Verlag hat es bereits gekauft, zB als Teil eines 2-books-deal.

Schreiben ist nicht gesund. Wir sitzen stunden-, ja tagelang am Schreibtisch, bekommen zu wenig Bewegung, und gesundes Essen nur dann, wenn wir es uns selbst kochen (oder einen Partner haben, der das erledigt). Und wer hat neben dem Schreiben schon Zeit zum Kochen?

Soziale Kontakte werden zur Nebensache, wenn wir in unser eigenes Buch vertiefst sind. Wir schreiben und schreiben und vergessen völlig, dass Freunde, Fammilie und Partner einen auch mal zu Gesicht bekommen wollen. Wir verpassen wichtige Ereignisse, sind nicht mehr auf dem Laufenden und erhalten den Ruf eines Eremiten.
Wir geraten in Gefahr, unsere eigenen Figuren als unsere besten Freunde anzusehen. Schizophrenie lauert um die Ecke. Wir führen Gespräche mit Charakteren und mit uns selbst. Diese Charakteren werden so real wie die eigenen Kinder und entwickeln ein beträchtliches Eigenleben.

Dauernd werden uns Hindernisse in den Weg gestellt. Probleme mit dem Plot, Charaktere, die sich nicht so entwickeln wie gewünscht, Wendungen, die hinfällig sind, weil der Plot sich längst geändert hat. Versuche um originelle Formulierungen verlaufen im Sand, eine Figur stirbt plötzlich, wir wissen nicht, warum das eine gute Idee zu sein schien, und eine andere stellt sich hin und sagt: Das mach ich nicht.

Dazu kommen die profanen Hindernisse des täglichen Lebens: Die meisten von uns haben einen Dayjob und können nicht schreiben, wenn sie am kreativsten wären, sondern müssen schreiben, wenn sie Zeit erübrigen können. Familie will versorgt, ein Haushalt geführt, der Hund ausgeführt werden. Freunde beanspruchen unsere Zeit. Im Fernsehen läuft unsere Lieblingserie. Im Regal stehen 12 neue Bücher aus dem Genre, in dem wir schreiben. Wir nennen es Recherche und rechtfertigen damit ihren Kauf. Mit den anderen ungelesenen Büchern im Schrank haben wir Lesestoff für zwei Jahre auf einer einsamen Insel.

Diese Hindernisse sind dazu da, damit wir herausfinden, wie wichtig uns das Schreiben ist. Wie sehr wir es wollen. Was wir alles dafür opfern. Was nicht.
Diese Hindernissen testen uns. Unseren Ehrgeiz, unser Durchhaltevermögen, unsere Sturheit.

Wenn vor uns eine Mauer auftaucht, haben wir zwei Möglichkeiten:
Wir sehen sie an und denken uns, das schaffe ich nicht. Wir geben auf.
Oder wir finden einen Weg, diese Mauer zu überwinden. Wir klettern darüber. Wir gehen um sie herum. Wir reißen sie ein. Wir sprengen sie in die Luft.

Schreiben ist hart. Sonst würde es ja jeder machen.

J

Advertisements

Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
Dieser Beitrag wurde unter Schreiben abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s