Wie man Kritik austeilt

Der Vorteil als Autor ist, dass man weiß, wie man eine Kritik erhalten möchte. Ob uns dieses Wissen zu guten Betalesern macht, sei dahingestellt, aber zumindest wissen wir, wie ein Feedback sein muss, damit es hilfreich ist.

Jede Kritik sollte sachlich und klar formuliert sein. Es geht um das Buch, und nichts anderes. Persönliche Gefühle haben keinen Platz in der Welt eines Betalesers. Als Betaleser ist es nicht unsere Aufgabe, das Ego des Autors zu streicheln. Wir sind dazu da, um Schwachstellen aufzuzeigen.
Es nützt auch nichts, wenn wir mit einem vagen vielleicht auf eine Stelle hinweisen, die „möglicherweise ein ganz klein wenig überarbeitet gehört“. Klare Worte sind angesagt – der Teil gehört überarbeitet, weil er Mist ist.

Wobei „Mist“ zu allgemein ist. Genauigkeit hilft dem Autor weiter. Als Betaleser müssen wir unsere Gedanken und Reaktionen während des Lesens beobachten – an welchen Stellen überflogen wir den Text nur, anstatt ihn genau zu lesen? Wo wurde es so spannend, dass wir vergaßen, und Notizen zu machen? Wo mussten wir lachen, weinen, uns ärgern? Wo waren wir überrascht, wo gelangweilt? Betalesen ist ständige Selbstreflektion.

Ehrlickeit ist unumgänglich. Nicht jeder Text wird euch zusagen, ganz einfach weil euch das Thema nicht interessiert. Dann sagt das auch. Sagt, dass es nicht im Können des Autors liegt, dass ihr mit seiner Romanze auf einem zombieverseuchten Piratenschiff im 23. Jahrhundert nichts anfangen könnt, weil ihr nur historische Thriller aus der Römerzeit lest.
Seid ehrlich in euer Meinung. Redet nichts schön, nur um dem Autor einen Gefallen zu tun. Es hilft ihm nicht. Es behindert ihn. Denkt immer daran, dass er das Buch besser machen will, und das geht nur, wenn ihr ihm die Wahrheit sagt. Schonen könnt ihr eure Gelenke, nicht den Autor.

Seid rücksichtsvoll. Nein, das ist kein Widerspruch zu dem vorher Geschriebenen. Bleibt immer bei der Wahrheit, aber bedenkt, dass ihr eine empfindsame Seele vor euch habt, die sich Lob erhofft und keine vernichtende Kritik. Formuliert eure Kritik immer als eure eigene Meinung, nicht als Dogma, das jeder Leser so sehen wird. Sagt nicht „du musst“, sondern „ich fände es besser, wenn…“. Schimpft nicht über das Buch, auch wenn es der mieseste Text ist, den ihr je gelesen hat. Auch hinter diesem Text steht ein Autor, der dafür gearbeitet, geschwitzt und geblutet hat. Honoriert immer die Mühe, die hinter einer Geschichte steht.

Seid euch der Ehre bewusst, dass ihr ausgewählt wurdet. Eure Meinung bedeutet dem Autor so viel, dass er dafür seelisches Leid in Kauf nimmt. Er erwartet Hilfe von euch, gute Ratschläge und Tipps, und präsentiert dafür sein frisches Werk, das noch in den Windeln und voller Fehler steckt, damit ihr ihm helft, es großzuziehen und zu einem erwachsenen Buch zu machen.

Es ist eine besondere Aufgabe, Betaleser zu sein. Nicht jeder ist gut darin, weil nicht jeder seine Gedanken zu einem Buch so formulieren kann, dass die Kritik über ein lapidares „gefällt mir“ hinausgeht. Wenn ihr euch damit unwohl fühlt, wenn ihr euch dem nicht gewachsen fühlt, wenn es euch zu viel ist, dann sagt es und lehnt ab.

Für Betaleser gilt das gleiche wie für Autoren: Es ist ein verdammt harter Job. Sonst würde ihn ja jeder machen.

J

Advertisements

Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
Dieser Beitrag wurde unter Schreiben abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s