Der Autor und sein Betaleser

Autoren sind Mimosen.
Sie wollen gestreichelt und verwöhnt werden, brauchen jemanden, der ihr Ego aufbaut und sie durch ihre Schreibkrisen durchbringt, sehnen sich nach Anerkennung und Zuspruch und wollen, brauchen, arbeiten und leben für Lob.
Aber sie kriegen es nicht.
Nicht von ihren Betalesern. Nicht in dem Ausmaß, in dem sie es gerne hätten.
Trotzdem geben sie ihre Werke an Betaleser, immer in der Hoffnung, dass sie zu hören bekommen, wie grandios das Buch, wie hervorragend, sagenhaft und absolut perfekt. Obwohl sie wissen, dass es alles andere als das ist.
Sonst würden sie es gleich an einen Agenten oder Verlag schicken und nicht zuerst Betalesern geben.

Wir Autoren wissen, dass wir Hilfe brauchen. Hilfe von Außenstehenden, von Unbeteiligten, die uns die Fehler aufzeigen, die wir nicht sehen. Nicht sehen können, weil wir zu tief drin in der Geschichte sind. Wir wissen, wie sich der Charakter entwickelt. Wir wissen, dass in Kapitel 3 die große Wende vom Unsympathler zum Helden erfolgt, der sich in Kapitel 28 für die Gemeinschaft opfern wird.
Der Leser weiß das nicht und beurteilt das Werk allein für das, was es ist – ein Buch, das für sich selbst sprechen muss. Der Leser kennt die Hintergründe nicht, weiß nichts von den tragischen Kindheitserlebnissen, die den HC so werden ließen wie er ist, hat keine Ahnung von den detaillierten Biografien, die der Autor für jeden Nebencharakter im Kopf hat. Er ist unbelastet, und genau deshalb brauchen wir Betaleser.

In der Regel sind Betaleser Freunde, manchmal Verwandte, selten Fremde, zu denen wir keinen Bezug haben. Und das ist gut so. Freunde wollen unser Bestes. Sie wollen, dass wir auf unser Buch stolz sind, damit Erfolg haben, sie wollen genau wie wir, dass es das beste Buch wird, das wir zustande bringen.
Und deshalb sagen sie uns die Wahrheit, auch wenn wir sie nicht hören wollen.
Wenn wir Glück haben, haben wir Betaleser, die sich gut ausdrücken können, die ihr Feedback so abgeben, dass wir es sofort verstehen und wissen, wo das Problem mit unserem Buch liegt. Wenn wir Pech haben, verstehen wir ihre Kritik nicht. Dann müssen wir nachfragen, solange, bis uns klar ist, was nicht funktioniert.
Denn nur darum geht es: Betaleser erklären uns, was in unserem Buch nicht funktioniert.
Es ist wunderbar, wenn sie uns loben und sagen, wie witzig sie diesen Satz fanden. Wie gut ihnen diese Beschreibung gefällt. Wie berührt sie von diesem Dialog waren, in dem der HC seine Gefühle der Heldin gegenüber ausdrückt. Das ist das Öl, das das Autorengetriebe geschmiert hält. Für solches Lob arbeiten wir uns den Hintern wund.
Aber der Treibstoff, der uns am Laufen hält, ist der unbedingte Wunsch, etwas zu schreiben. Lob ist die Zuckerglasur. Zeigt uns, was richtig ist, was funktioniert, was wir wiederholen können und müssen, weil es der richtige Weg ist.
Negative Kritik ist keine Zuckerglasur, zündet aber den Treibstoff. Es ist nicht gut heißt nur, dass es besser werden muss. Der Leser versteht diesen Teil des Buches nicht? Dann müssen wir ihn besser erklären. Der Leser weiß nicht, warum der HC diese Entscheidung fällt? Dann müssen wir den Grund deutlicher herausarbeiten.
Negative Kritik zeigt uns die Fehler des Buches auf. Sie macht das Buch besser, wenn wir sie uns zu Herzen nehmen. Sie macht uns besser, weil wir lernen, was nicht funktioniert, was wir vermeiden müssen, wo wir härter arbeiten müssen.

Wir sollten eins nicht vergessen – wir haben um diese Kritik gebeten. Natürlich hoffen wir auf Lob, aber wenn es nicht kommt, dann dürfen wir nicht enttäuscht sein. Unsere Betaleser wollen uns helfen. Sie sind unsere Freunde und wollen uns nicht wehtun. Und weil sie unsere Freunde sind, dürfen wir ihnen nicht böse sein, wenn sie uns ihre ehrliche Meinung sagen.

Ein schriftliche Kritik zu gerade mal drei Kapiteln meines ersten Romans enthielt 12 negative Punkte und einen einzigen positiven. Ob das weh tat? You can bet your ass. Hat es geholfen? Natürlich.
Es machte mir klar, was der Betaleser nicht mochte, ich konnte überprüfen, ob ich der gleichen Meinung bin oder es anders sehe, und ich lernte, wie dieser Teil des Buches auf jemanden wirkt, der noch nicht das gesamte Bild kennt.

Ein Kritik ist immer nur ein Vorschlag und keine Pflicht zur Veränderung. Es zeigt die Meinung eines einzigen Lesers, und es liegt am Autor, diese Meinung zu evaluieren. Nicht immer wird der Autor der gleichen Meinung sein und den beanstandeten Teil einfach drin lassen, weil er ihn für notwendig erachtet. Manchmal wird er sich unsicher sein und sucht die Meinung eines zweiten Betalesers. Oft wird er erst durch einen unbeeinflussten Leser erkennen, dass dieser Recht hat und er etwas am Buch ändern muss.

Betaleser sind eine großartige Gelegenheit, das Buch besser zu machen. Wir sollten froh sein, wenn wir welche haben, die das Wichtigste im Blick behalten: Das Buch. Nicht unser Ego.

Ich habe drei Betaleser.
Einer kennt die Geschichte in allen Details, weshalb er nichts zu Wendungen sagen kann, weil sie für ihn nicht überraschend kommen. Dafür zerpflückt er meinen Plot und findet die logischen Fehler wie ein Bluthund.
Einer kennt die Geschichte in groben Zügen und konzentriert sich auf Plot und Charaktere. Er ist beinhart, direkt und rücksichtslos. Er will das bestmögliche Buch. Ich habe gelernt, seine Worte nicht persönlich zu nehmen. Eine gute Schule für spätere negative Kritiken von Rezensenten. Er legt auf ganz andere Dinge Wert wie ich und bringt mich dazu, meine Entscheidung zu Plot und Charakterentwicklung zu hinterfragen und die Handlung aus einem anderen Licht zu sehen.
Einer weiß fast nichts von der Geschichte und kann einzig und allein das beurteilen, was er liest, ohne Hintergrundinformation. An ihm kann ich testen, wie die Geschichte auf einen unbeeinflussten Leser wirkt.
Ich möchte diese drei unterschiedlichen Betaleser gerne für den Rest meines Schriftstellerlebens beibehalten, weil ich die Aufteilung enorm hilfreich finde.

Ich empfehle Autoren, die Mimose als hübsche Blume anzusehen und selbst keine zu sein. Es dauert, bis man sich eine Schutzhaut zugelegt hat und nicht mehr jede Kritik persönlich nimmt. Früher oder später passiert es. Früher wäre besser.

Der Betaleser weiß, dass er eine erste oder zweite oder beinahe fertige Fassung erhält. Er weiß, dass dieses Buch noch nicht fertig ist. Er weiß, dass sich Szenen verschieben, Motive ändern und ganze Plotstränge wegfallen können.

Er will euch helfen. Also lasst ihn.

Schreibt euch die Finger wund.

J

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Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
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2 Antworten zu Der Autor und sein Betaleser

  1. udo schreibt:

    So schlimm sind wir Betaleser? Dabei ist es ja auch eine Ehre für uns, vom Autor auserwählt zu werden, an seinem Werk „mitzuarbeiten“, denn als nichts anderes sehe ich die Betaleser. Fast zu vergleichen mit der Planung eines Gebäudes (und ich meinen jetzt kein einfaches Wohnhaus) hat man Planer, Fachplaner, Prüfer, „Consulting Engineers“ usw, auch wenn dann nur der Architekt mit seinem Namen dafür die Lorbeeren erntet.
    Also liebe Autoren, wir mickrigen kleinen Betaleser arbeiten mit euch nicht gegen euch.

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