Charaktertod – Wie bringe ich meine Charaktere am besten um?

Vor diesem Problem stehe ich gerade, und wie ich feststellte, gibt es einige Lösungen.
Es kommt natürlich darauf an, wen der Autor ins Jenseits schickt. Bei hunderten Soldaten in einer Schlacht hat man nicht den Platz, jeden einzelnen Tod zu beschreiben. Mir geht es um die Figuren, die zumindest einen Namen haben.

Nebencharaktere:
Der Roman, an dem ich gerade schreibe, hat gleich zu Beginn den Tod eines Nebencharakters, dessen einzige Aufgabe zum Glück nicht ist, nur zu sterben. Da er auf der Gegenseite steht, verschwendete ich keine Zeit damit, Sympathie für ihn zu erzeugen, im Gegenteil, er gehört ja zu den Bösen, der soll überhaupt nicht gemocht werden. Und da er gerade nicht wirklich nette Dinge macht, sollte der Leser, nun, froh über seinen Tod sein, weil die anderen Charaktere der guten Seite somit nicht weiter gefährdet sind.
Wichtiger als das Wie war mir die Schnelligkeit, mit der er ums Leben kommt. Es sollte sowohl für die anderen Charaktere als auch den Leser überraschend kommen und den Überlebenden wenig Zeit zum Reagieren geben.

Viele, viele Seiten später erwischt es den nächsten Nebencharakter, wobei dieser wichtiger ist und eine große Rolle spielt. Hier legte ich es mit Absicht darauf an, ihn sympathisch dastehen zu lassen, eine Figur, die der Leser mag, sonst wäre ihr Tod dem Leser egal. Und egal ist das letzte, was wir Autoren wollen. Wir wollen immer Emotionen auslösen. Zur Not auch solche, wo der Leser sauer auf den Autor ist, weil er seinen Lieblingscharakter sterben ließ.
Mit dieser Szene hatte ich wesentlich mehr Probleme. Mein ursprünglicher Plan, ihn genauso überraschend zu töten, war zwar gut, weil die anderen Charaktere so keine Zeit haben, ihn zu retten, aber aus plottechnischen Gründen unklug. Das hätte demjenigen, der den Mord begeht, zu viel Macht verliehen, und der Showdown wäre unglaubwürdig geworden, weil sich der Leser fragte, warum der Bösewicht nicht einfach mit allen Figuren das macht, was er bereits mit dem einen Charakter machte.
Also musste ich meine komplette Todesszene, inklusive Aufbau, kübeln und mir eine Variante überlegen, die der Villain zustande bringt, ohne ihn gleich allmächtig werden zu lassen. Was inkludiert, dass der Tod jetzt nicht mehr überraschend kommt, sondern einfach nicht verhindert werden kann, trotz der Bemühungen der anderen Charaktere.
Das gab der Szene eine andere Dynamik. Anstatt schockiert auf denjenigen zu blicken, der auf einmal tot zusammenbricht, sind sie nun damit beschäftigt, ihr Möglichstes zu tun, ihn am Leben zu erhalten, und ich gebe ihnen die Chance, ihn zu retten, weil ich diesen Charakter nicht los werden will. Ob es gelingt – ihr werdet es irgendwann lesen.
Was mich zur Funktion dieses Todes bringt: Erhöhung des Einsatzes. Raise the stakes. Make it worse.
Der Leser sieht, dass niemand unverwundbar ist, selbst sympathische Charaktere sterben können, wenn sie nicht aufpassen, und manchmal sogar, obwohl sie aufpassen. Und die Auswirkungen auf die anderen Charaktere sind natürlich gewaltig, und der Plot nimmt eine erneute Wendung.

Hauptcharakter:
Tod eines Hauptcharakters ist eine noch heiklere Sache. Mit ihm identifiziert sich der Leser noch mehr (hoffen wir Autoren zumindest), und ihn frühzeitig ins Aus zu schicken, kann dazu führen, dass der Leser nicht mehr weiterliest. Oder nur noch mit Widerwillen und nie wieder ein Buch von uns kaufen wird, weil er enttäuscht ist, und das wollen wir auf keinen Fall.
Wir Autoren hängen an unseren wichtigsten Figuren, sie sind der Grund, warum wir genau diese Geschichte schreiben, und wenn wir sie sterben lassen, dann aus gutem Grund. Weil wir sie in eine Situation brachten, aus der es absolut keinen Ausweg mehr gibt.
Das passiert uns selten unabsichtlich. Meistens ist der gesamte Plot darauf ausgerichtet. Oft opfert sich der HC am Ende, um das Überleben der anderen zu sichern. Ich selbst schreibe keine griechischen Tragödien, also habe ich keine HCs, die aufgrund ihrer schlimmen Taten nur mehr im Tod Erlösung finden oder hingerichtet werden, um der Gerechtigkeit genüge zu tun.
Ich schreibe Fantasy-Romane, und meine HCs sind zwar teilweise tragische Gestalten, aber sie bemühen sich, das Richtige zu tun und nicht allzu viel Blödsinn anzustellen. Wenn einer von ihnen draufgeht, dann wegen der Konsequenzen, die sein Tod für die anderen haben wird.
Merkwürdigerweise findet die Muse es toll, einen HC umzubringen. Ich hätte gedacht, dass es mir schwer fällt, aber nein, die Worte flossen nur so aus mir raus. Wie ich bereits vor langer, langer Zeit meinen Betas ankündigte, ist das die Mutter aller candy bar scenes – 3 Schwerter, 2 Männer, eine Entscheidung. Wie weit würdest du gehen, um das zu kriegen, was du willst? Und nur einer von ihnen wird diesen Kampf überleben.

Wenn ein HC stirbt, muss sein Tod Auswirkungen haben. Alles andere ist unbefriedigend. Die überlebenden Charaktere werden auf seinen Tod reagieren, manche anders als vorgesehen, der Plot wird eine Wendung nehmen oder gar zu Ende sein, und unsere Aufgabe als Autoren ist es, diesen Tod plausibel zu machen, als logische Konsequenz der Handlung, und nicht weil uns grad danach war oder weil wir schockieren wollten. Oder zeigen, wie mutig wir sind, unseren HC sterben zu lassen, weil das der Leser nicht erwartet.
Wenn der Leser während der Gefahren vorher nicht eine Sekunde daran zweifelt, dass ein Charakter sterben könnte, ist schon beim Schreiben etwas gewaltig schief gegangen. Liebe Autoren, habt einen besseren Grund als Schockmoment oder angeblichen Mut, um eure Charaktere sterben zu lassen. Liebe Leser, glaubt uns, dass wir das nicht leichtfertig machen, sondern nur, weil wir damit etwas zeigen wollen.

Schreibt mit Freude, schreibt mit Zorn, schreibt mit Verzweiflung. Schreibt.
J

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Über Jery Schober

author translator daydreamer dogperson bookcollector candlejunkie Übersetzt Romane, schreibt Fantasy, liest querbeet und malt unerfolgreich.
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2 Antworten zu Charaktertod – Wie bringe ich meine Charaktere am besten um?

  1. para68 schreibt:

    Es ist mit Sicherheit am schwierigsten, einen HC sterben zu lassen. Dies wird definitiv die größten Auswirkungen auf den Plot, die übrigen Figuren und auch auf den Leser haben. Wird der Roman zum Großteil von diesem HC getragen, kann man ihn logischerweise nur am Ende des Buches sterben lassen. Konsequenzen: eine Fortsetzung wird es unter diesen Umständen nicht geben. Viele Leser, die auf ein Happy End programmiert sind, werden enttäuscht sein.
    Man muss als Autor also schon einen SEHR guten Grund haben, den HC sterben zu lassen. Den Leser zu überraschen und zu schocken ist hier kein ausreichendes Motiv.
    In einer kriegerischen, gefährlichen Fantasy-Welt ist das Risiko natürlich höher, dass eine Figur sterben könnte. So muss sich der Autor / die Autorin zumindest nicht auch noch mit Vorwürfen herumplagen, dass der Todesfall nicht plausibel ist. In zeitgenössischer Literatur sollte man mit dem Ableben eines HC allerdings noch vorsichtiger sein (außer es handelt sich um einen Kriegsroman). Plötzliche Unfälle und unheilbare Krankheiten können schnell meldodramatisch wirken.

    Daher werden meine aktuellen HC auch beide bis zum Ende des Romans überleben. Es ist mir egal, welche perfiden Pläne meine Muse vielleicht gerade wieder für einen von beiden ausheckt!

    S

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  2. Pingback: NaNo 2014 – Halbzeit – Fantasy ist kein Ponyhof | Marmor und Ton – Autoren schreiben mit MUT

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